Wie der Strompreis die Industrie spaltet

Dieser Blogbeitrag beginnt gleich mit einer Grafik. Denn die macht eindrücklich deutlich, worum es geht: Die Strompreisschere, die sich in Deutschland zwischen Unternehmen öffnet, die von der Ökostromumlage und anderen Abgaben belastet sind, und jenen, die den vollen Preis zahlen müssen.

Industriestrom neue Farben

Zusatz:  Die Großindustriezahlen beziehen sich auf einen Verbrauch zwischen 70 und 150 Gigawattstunden pro Jahr, die für kleinere Industrieunternehmen gelten für den Bereich von zwei bis 20 GWh.

Selten lassen ein paar Zahlen ein gesamtes PR-Kartenhaus („Die Industrie leidet in Deutschland unter hohen Strompreisen“) so zusammenfallen wie diese. Denn Fakt ist: Die Strompreise für Großverbraucher gehören inzwischen zu den günstigsten in Europa, während die nicht befreite Kleinindustrie dramatische Kostensteigerungen hinnehmen muss.

Auf die Datenmaske von Eurostat, wo die Preise erfasst werden (und die auch zulässt, Abgaben wie die EEG-Umlage hineinzurechnen) bin ich während einer Recherche für das Wirtschaftsmagazin Capital gestoßen. Achtung, eigen-PR: In dem Beitrag, den ich zusammen mit Redakteur Thomas Steinmann geschrieben habe, erzählen wir anhand von zahlreichen Beispielen, wie die Industriestrompreise auseinanderdriften. Die ausführliche Fassung gibt es nur am Kiosk, eine kurze Zusammenfassung hier.

Nun, für wen sinken die Strompreise eigentlich, und warum? Profiteur sind alle Unternehmen, die von der EEG-Umlage und zum Teil auch anderen Zuschlägen wie Offshore-Umlage weitgehend befreit sind. 2013 sind das 2245 Betriebe, für 2014 steigt die Zahl vermutlich leicht an (eine gute Übersicht über die EEG-Befreiungen gibt es hier).  Rund ein Fünftel des Stromverbrauchs in Deutschland fällt in etwa unter die Ausnahmeregelung. Die Unternehmen müssen zwei Grenzwerte schaffen: Erstens beginnt der Rabatt bei einer Gigawattstunde Verbrauch pro Jahr und steigt dann weiter an. Zweitens müssen die Stromkosten 14 Prozent der Wertschöpfung ausmachen. Dann sparen sich größere Firmen fast die komplette EEG-Umlage von derzeit 5,277 Cent pro Kilowattstunde, 2014 sind es dann sogar 6,24 Cent.

Zusätzlich profitieren sie von sinkenden Einkaufspreisen. Das lässt sich nicht nur anhand der Zahlen von Eurostat ablesen, sondern auch in den Geschäftsberichten, zum Beispiel des Stahlkochers Salzgitter (Seite 76). 2013 dürfte ein großartiges Jahr werden für Mega-Verbraucher wie zum Beispiel die Trimet Aluminium AG. Die hatte, wie der Vorstand in der Jahresbilanz zerknirscht einräumen musste, tatsächlich damit gerechnet, dass die Strompreise durch den Atomausstieg steigen und sich mit Derivaten abgesichert. Eine krasse Fehlkalkulation, die Trimet 2012 mit 61,4 Millionen Euro Sonderverlust belastete (Geschäftsbericht Seite 19). Doch nun kann man sich an den niedrigen Strompreisen erfreuen.

Dank der Energiewende und des EEG purzelten und purzeln nämlich die Preise an den Stromhandelsplätzen, nicht nur am Spotmarkt, sondern auch bei langfristigen Kontrakten. Denn der grüne Strom, den die anderen 80 Prozent der Verbraucher teuer bezahlen, drückt die Preise. Teure fossile Kraftwerke werden aus dem Markt gedrängt („Merit-Order-Effekt“). Die einst hohen Strompreise zu Mittag sind zum Beispiel inzwischen niedrig, wenn viel Solarenergie eingespeist wird. Hinzu kommt noch die schwache europäische Konjunktur.

Die befreiten Unternehmen bekommen also das beste aus beiden Welten: Kaum Beteiligung am teuren EEG (zum Teil auch durch hohe Eigenerzeugung), dafür heimsen sie die die Vorteile des börsenpreissenkenden Effekts ein. Zwar wirkt der deutsche Strommarkt auch auf die Nachbarländer. Aber inzwischen koppeln sich die Preise hier immer häufiger nach unten ab, weil die Grenzkuppelstellen ausgelastet sind. Die Folge ist in der Grafik sichtbar. Und die deutsche Schwerindustrie müsste jubeln, verbessert sich doch ihre Kostenbasis gegenüber dem europäischen Ausland erheblich.

Doch davon hört man nichts. Sicher, die Frage ist, wie lange die Situation anhält, zum Beispiel könnte ein Beihilfe-Verfahren der EU das ganze EEG-Ausnahmensystem kippen. Industrievertreter behaupten aber weiterhin öffentlich, die Industriestrompreise seien die zweithöchsten in Europa. Das war schon immer falsch. Ich habe in allen relevanten Statistiken noch nie einen Beleg für diese Angstmacher-Aussage gefunden. Jetzt ist sie mehr als falsch, sondern einfach unredlich. Denn für die befreite Schwerindustrie hat sich die Lage sogar ins Gegenteil gekehrt: Die Preise liegen deutlich unter dem europäischen Schnitt und nur noch knapp über denen Frankreichs und unter jenen in Großbritannien und Italien, Spanien.

Während der eine Teil der Industrie die Fakten verdreht und seine großartige Verbesserung der Wettbewerbsposition in den von Umlagen befreiten Teilen meist verschweigt, ist die Lage für alle nichtbefreiten Industrieunternehmen (die etwa ein weiteres Fünftel des Stroms in Deutschland verbrauchen) dagegen unangenehm geworden. Auch das zeigt die Grafik: Verbraucher, die die Grenzwerte nicht packen, mussten einen starken Anstieg der Stromkosten verkraften und entfernen sich immer weiter vom EU-Schnitt, die Entwicklung wird sich durch den weiteren EEG-Anstieg noch verschärfen. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Preisschere zwischen Groß und Klein weit geöffnet, von rund zwei Cent auf rund 6,5 Cent. In der Rest-EU (ohne Deutschland) ist nichts dergleichen zu beobachten. Wir haben, um es zuzuspitzen, im Industriebereich einen Freak-Strommarkt erschaffen.

Schon jetzt verursacht diese Spaltung perverse Anreize. Schlachtereien haben Beschäftigung ausgelagert, weil sie dann als eingekauftes Vorprodukt gilt und die Wertschöpfung im Unternehmen (auf dem Papier) sinkt. Damit steigt der Stromkostenanteil automatisch, die EEG-Rabatte können abgegriffen werden. Andere Firmen lassen Maschinen durchlaufen, wenn sie knapp unter der 14-Prozent-Grenze liegen. Das ist unternehmerisch rational und in jeder anderen Hinsicht schädlich. Und schließlich setzen viele Firmen jetzt notgedrungenermaßen auf Eigenerzeugung, auch wenn sie ohne den Druck aus dem EEG betrieblich und volkswirtschaftlich wenig Sinn ergibt.

Absurd ist dabei, dass die Frage, ob ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb steht, keine Rolle bei der Zuteilung der Ausnahmen spielt, obwohl die sogenannte „besondere Ausgleichsregelung“ explizit ins Gesetz geschrieben wurde, damit Wettbewerbsnachteile mit dem Ausland vermieden werden. Viele Grundstoffhersteller zum Beispiel sind befreit, liefern aber nur in einem engen Radius, weil die Transportkosten – zum Beispiel für Baumaterialien – sehr hoch sind. Andersherum schaffen zahlreiche Unternehmen, die auf dem Weltmarkt agieren und dort härtestem Preisdruck ausgesetzt sind, die Grenzwerte nicht (unter anderem, weil sie eine höhere Personalintensität haben). Einige Beispiele dafür haben wir für Capital zusammengetragen.

Es ist also höchste Zeit für eine differenzierte Betrachtung. Es ist falsch, zu behaupten, „die“ Industrie sei vom EEG und den anderen Belastungen der Energiewende befreit. Ebenso falsch ist es, zu verschweigen, wie gut Teile der Industrie aktuell dastehen. Denn Deutschland ist zu einer industriellen Zweiklassengesellschaft geworden, es gibt haushohe Gewinner und ebenso viele Verlierer. Eine derartige Entwicklung dürfte übrigens weltweit einmalig sein. In Europa ist sie es in jedem Fall.

Bei den Koalitionsverhandlungen wäre es deshalb an der Zeit, endlich für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Das hieße vor allem, tatsächlich zu prüfen, wer wie stark im internationalen Wettbewerb steht. Zudem müssten die harten Schwellenwerte durch fließende Grenzen ersetzt werden, um Fehlanreize zu vermeiden. Und schließlich ist fragwürdig, ob es fair ist, den Merit-Order-Effekt bei der Berechnung der EEG-Umlage außen vor zu lassen. Schafft das die Koalitionsrunde, die politisch mindestens so tief gespalten ist wie die Industrie bei den Strompreisen? Ich habe meine Zweifel.

3 comments for “Wie der Strompreis die Industrie spaltet

  1. Willi Stock
    27. Oktober 2013 at 21:03

    Vielleicht zu einfach – sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Die Grafik der Industriestrompreise beinhaltet sowohl den Mittelstand mit seiner NS-Einspeisung 0,4 kV (die sicherlich voll umfänglich abgabenfähig ist) wie den Industriebetrieb mit 380 KV-Einspeisung und eigenen Kraftwerken und eigenen langfristigen Stromlieferverträgen. Diese internen Kosten fallen unter den Tisch und machen ihre Rechnung ja so klein. Da ist die Befreiung von der EEG-Subvention nur ein Puzzlestein im Kostengefüge. Aber das passt ja nicht in die Bashing-Diskussion….

  2. Marius Christian
    28. Oktober 2013 at 07:55

    In Ergänzung zum ersten Kommentar (zumindest werden hier unterschiedlichste Apfelsorten verglichen)…

    Die erste GWh wird die volle EEg-Umlage gezahlt.
    danach, bis zu 10 GWh 10%
    Erst darüber hinaus greift so etwas wie eine Befreiung.

    Recherche (siehe Artikel) zeiget das doch – bewusste Vereinfachung um die Story hier nicht zu ausgewogen zu machen ?

    Die Kategorien der Eurostat sind nicht geeignet, das Bild imSegment Grossverbraucher abzubilden. Die zahlen auch im Ausland nicht das, was dort in den Tabellen steht.

    Was stimmt: Für nicht entllastete Unternehmen ist der Energiewendewahnsinn kaum noch tragbar.

  3. 30. Oktober 2013 at 18:43

    Von der Tendenz her ist die Aussage richtig. Allerdings profitiert auch die nicht von der EEG-Umlage (teil-)befreite Industrie von den massiv gesunkenden Strompreisen, wie ich auch eigener Anschauung weiß. Hinter die rote Kurve möchte ich daher ein Fragezeichen machen. Da ist wohl ein zu grobes Raster, bzw. eine zu kleine Stromverbrauchsgröße gewählt worden. In der Realität sieht die Aufspaltung etwas differenzierter aus. Das ändert aber nichts an der korrekten Feststellung, dass das öffentliche Gejammer der EEG-(teil-)befreiten Großindustrie unredlich ist.

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