Warum Deutschlands Strommarkt geteilt werden sollte

Immer, wenn über mögliche Engpässe bei der Stromerzeugung diskutiert wird, richtet sich der Blick auf Süddeutschland. Nur dort, so lautet die einhellige Meinung, könnte sich erneut ein Drama abspielen wie im Winter 2012, als es tatsächlich eng wurde. Der Süden (und zwar geht es in etwa den Bereich südlich der Mainlinie) hat mehr Erzeugungskapazität durch das Abschalten der ältesten Atommeiler verloren und wird auch weiter überproportional stark vom Atomausstieg betroffen sein. Der Leitungsbau, hinter dem immer mehr Fragezeichen stehen, wird die Unterversorgung nicht beheben, sondern höchstens abmildern können.

Mittlerweile spielen sich im Süden schon ziemlich groteske Diskussionen darüber ab, wie das Problem behoben werden kann. Horst Seehofer zum Beispiel will einfach ein Gaskraftwerk bauen (link) an Stelle des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld, das 2015 abgeschaltet werden muss.

Doch Notmaßnahmen gehen am Kern des Problems vorbei. Das lautet: Der deutsche Strommarkt bildet die physischen Realitäten nicht ab. Das hat Marc Oliver Bettzüge vom EWI in einem, wie ich finde, hervorragenden Gastbeitrag für BIZZ energy today (Printausgabe Februar) herausgearbeitet und danach auch im Handelsblatt beschrieben. Zudem habe ich mit Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project (RAP) länger über das Thema diskutiert.

Die Lage ist im Grunde einfach zu erklären. Wenn gerade ausreichend Leitungskapazitäten zur Verfügung stehen, dann verhält sich der deutsche Strommarkt wie eine Kupferplatte. Es ist dann in Ordnung, dass ein gemeinsamer Preis verlangt wird. In ähnlicher Weise konvergiert der Preis am gesamtdeutschen Strommarkt auch häufig mit den Märkten der Nachbarländer, wenn die Grenzkuppelstellen nicht ausgelastet sind und es keine großen Unterschiede bei Angebot und Nachfrage in den jeweiligen Ländern gibt.

Sobald es aber zu einer Situation kommt, in der die Erzeugungskapazitäten im Süden bereits knapp werden und die Leitungskapazitäten aus dem Norden nicht ausreichen – und das ist häufig der Fall – müsste eigentlich der Preis im Süden sofort steigen. So wie sich zum Beispiel auch deutscher und französischer Preis abkoppeln, wenn es in einem Land eng wird und die Grenzverbindungen bereits glühen. Das passiert aber hier nicht, weil Deutschland ein gemeinsames Marktgebiet ist. Es gibt dadurch überhaupt keinen Anreiz für die Kraftwerke, sich entsprechend der physischen Realität zu verhalten.

Zugegeben, das klingt jetzt kompliziert und abstrakt. Deshalb ein vereinfachtes Beispiel, das in der Realität häufig vorkommt. Ein Steinkohlekraftwerk in Norddeutschland bietet für den Folgetag seine Leistung am Markt an. Es kann einen niedrigeren Preis verlangen als ein entsprechendes Kraftwerk im Süden, denn die Transportkosten der Kohle sind niedriger. Bauen wir das Beispiel noch aus: Da insgesamt der Stromverbrauch hoch ist, müsste sogar eines der Gaskraftwerke im Süden anspringen, das noch einmal teurer produziert. Da kaufen die Kunden im Süden natürlich lieber den Strom aus dem Norden, weil er am günstigsten ist.

Am nächsten Tag stellen die Übertragungsnetzbetreiber dann fest, dass sie ein Problem haben. Die Leitungen in den Süden sind voll, die Kunden dort haben aber (konform zum Marktanreiz) den Strom aus dem Norden bestellt, der nicht „geliefert“ werden kann. Was tun? Die Übertragungsnetzbetreiber greifen dann zum sogenannten Redispatch (eine sehr gute Erklärung findet sich hier). Sie buchen ein teures Kraftwerk im Süden und entschädigen gleichzeitig den norddeutschen Betreiber des Kohlekraftwerks. Bezahlt wird die Differenz für das Redispatch von allen Stromkunden über die Übertragungsnetzentgelte. Norddeutschland subventioniert also den Engpass im Süden.

Das ist aber noch nicht alles. Wirklich gravierend wird das Problem dadurch, dass der systematisch zu niedrige Strompreis im Süden auch falsche Anreize für den Handel mit dem Ausland setzt. Wenn der Preis in bestimmten Situationen einige Cent höher wäre im Süden, wäre er weniger attraktiv für Schweizer, Franzosen und Österreicher. „Das verschärft die Engpässe zusätzlich“ schreibt Bettzüge.

Und darüber hinaus würde eine Südpreiszone auch die richtigen Investitionsanreize setzen. Derzeit ist es egal für den Betreiber, ob ein Kraftwerk (zum Beispiel auch umweltschonende Anlagen in Kraft-Wärme-Kopplung) an die Küste Holsteins gestellt wird oder in den Schwarzwald, er kann mit dem gleichen Strompreis rechnen. Bei einem geteilten Markt wäre der Anreiz gesteigert, im Süden zu bauen.

Die Teilung in einen Nord- und einen Südmarkt würde also zahlreiche Probleme lösen oder zumindest weitere Fehlentwicklungen bremsen. Doch einfach ist der Weg nicht. Noch gibt es keine breitere politische Diskussion. Es ist nicht schwierig, vorherzusehen, dass in Süddeutschland die Ablehnung vermutlich groß wäre. Denn dort müsste die Industrie auf einen Schlag etwas höhere Preise bezahlen als im Norden. Da nicht nur Kohlekraftwerke, sondern auch Windräder im Norden sehr viel günstiger produzieren, würde sich bei einer Zweiteilung auch auf lange Sicht vermutlich ein höherer Südpreis festsetzen. Ob das Seehofer gefallen wird? Und überhaupt: Wo bleibt da die Solidarität?

Nun, darauf könnte man zwei Dinge entgegnen: Erstens gibt es keine umfassende Infrastruktursolidarität in Deutschland. Im Osten liegen die Netzentgelte für die Verteilnetze teils mehrere Cent pro Kilowattstunde über jenen im Westen, vor allem, weil die Einwohnerdichte niedriger ist. Auch die Kosten für Kläranlagen und andere regionale Daseinsvorsorge sind höher. Und das, obwohl die Einkommen niedriger sind. Warum sollte also der ohnehin reichere Süden vom Norden mit günstigerem Strom subventioniert werden und sich dann alle die Rechnung teilen? Zweitens haben die nicht gerade als unsozial bekannten Skandinavier auch zu diesem Mittel gegriffen (link). In Schweden gibt es zum Beispiel vier Preiszonen. Denn es war aus ihrer Sicht sinnvoller und günstiger, die richtigen Preissignale über Knappheiten zuzulassen, statt die Stromnetze auch noch für die letzte Kilowattstunde auszubauen (wie das in Deutschland geplant ist).

Ich finde, die Teilung in nord- und süddeutschen Strommarkt klingt nach einer interessanten Idee, die es in jedem Fall wert ist, ernsthaft diskutiert zu werden.

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3 comments for “Warum Deutschlands Strommarkt geteilt werden sollte

  1. Jochen
    14. März 2014 at 22:46

    Gut beobachtet. Allerdings geht die aktuelle Strommarktpolitik genau in die umgekehrte Richtung: Die europäische Strombörse wird immer mehr ausgeweitet bzw. die bisher unabhängigen Börsen (EPEX, Nordpool usw.) aneinander gekoppelt, so dass es möglichst bald einen gemeinsamen Strommarkt geben soll, der von Schottland bis nach Bulgarien reicht. Auch wenn der dann zwar finanztechnisch reibungslos funktionieren mag (und vielleicht für manche auch äußerst lukrativ sein wird) wird dabei ganz ignoriert, dass es die für einen echten physischen Markt-Ausgleich nötigen Stromleitungen noch gar nicht gibt (und im Interesse mancher Marktteilnehmer auch gar nicht geben soll).
    Aber das wird man dann wohl erst später völlig „überrascht“ feststellen – wenn der Strompreis ganz merkwürdige Kapriolen schlägt.

  2. Grautvornix
    1. Mai 2014 at 21:21

    Ja genau, und der Wahnsinn geht weiter. Auch im Gasmarkt spielen sich ähnliche Entwicklungen ab. Auch hier gibt es eine einheitliche Preiszone (Marktgebiet) für Nord- und Süddeutschland trotz physischer Engpässe beim Transport des Gases von Nord nach Süd. Die Rolle der Kraftwerke im Strommarkt übernehmen hier die Erdgasspeicher. Statt marktbasierte Anreize für deren netzoptimierten Einsatz zu schaffen (Speichereinsatz vor dem Engpass sollte weniger wert sein als hinter dem Engpass) werden lieber die Netze ausgebaut. Alles die gleiche volkswirtschaftlich ineffiziente Soße, nachzulesen im aktuellen Netzentwicklungsplan Gas.

  3. Jan
    12. September 2014 at 14:19

    Hallo zusammen, wir haben uns mal von dem interessanten Artikel inspirieren lassen und eine Blogserie zum Thema Vor- und Nachteile von regionalen Strommärkten für das Stromnetz aufgesetzt. Der erste Teil ist seit dieser Woche online:

    http://www.next-kraftwerke.de/energie-blog/kupferplatte-stromnetz

    Viele Grüße aus Köln,
    Jan

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