Von einem fiebrigen Planeten und seinen unbeholfenen Krankenpflegern

Der abstrakte Begriff des „Klimawandels“ ist kaum hilfreich, wenn es darum geht, die bereits eingetretenen Symptome und den höchstwahrscheinlich bevorstehenden weiteren Verlauf  der Beschädigung unseres Planeten und unserer Lebensgrundlagen zu veranschaulichen. Eva Hauser bevorzugt die Metapher einer „Zivilisationskrankheit“, um den Handlungsbedarf und die Effektivität der bisherigen „Therapieversuche“ darzulegen.

 

Unser Planet hat Fieber. Aktuell beträgt seine Temperatur gut 1,4 Grad mehr als seine gewöhnliche Temperatur. Wäre unsere Erde ein Mensch, würden wir vermutlich aktuell von etwas mehr als 38,4°C Körpertemperatur reden. Bei dieser Temperatur fühlen wir Menschen uns schon nicht mehr wirklich wohl, sondern eher müde und kraftlos, während gleichzeitig die ersten Anzeichen des Abwechselns von Frösteln und Hitzewallungen auftreten.

Und die Ärzte unseres Planeten gehen fast einstimmig davon aus, dass das globale Fieber noch weiter ansteigen könnte. Bis zu vier Grad Temperaturanstieg halten nahezu alle der behandelnden Ärzte für sehr wahrscheinlich, wenn man nicht bald mit einer ernsthaften Therapie anfängt. Dann hätten wir einen Planeten, der als Mensch 41°C Fieber hätte und damit endgültig in ernsthafter Lebensgefahr wäre. Würde man die Therapie konsequent anwenden, könnte man – so die Diagnose der Ärzte – den Anstieg des Fiebers auf einen Bereich zwischen 1,5 und 2 Grad begrenzen. Dabei warnen die Ärzte, dass auch eine solche Erdtemperatur bereits dauerhafte Folgen bzw. Schäden mit sich bringen wird. (vgl. den Bericht der Weltbank: „Turn down the heat“; Ausgabe 2014)  Der Patient Erde und viele der darauf lebenden Menschen würden durch die Hitzewallungen dauerhaft an Durst und an daraus  resultierenden Mangelerscheinungen leiden. Gleichzeitig rinnt unserem Patienten Erde der Schweiß in Strömen von der Stirn herab, weswegen bereits einige seiner (Körper)regionen schweißgebadet unter Wasser stehen.

Wozu diese Metapher vom „fiebrigen Planeten“? Im allgemeinen Sprachgebrauch hat es sich eingebürgert, vom „Klimawandel“ zu reden. Aber dieser Begriff, diese Metapher eines „Wandels“ eines abstrakten Etwas, des „Klimas“, leitet in die Irre, wenn man nicht gleich von Vortäuschung falscher Tatsachen sprechen sollte. [vgl. hierzu die Ausführungen von Elisabeth Wehling (2016): Politisches Framing, S. 180-185]. Unser Planet ist dabei, erstickt zu werden, und diejenigen, die ihm das Gift verabreichen, sind – nach allem was wir heute wissen – wir Menschen selbst. Ehrlicherweise sollte man dazu sagen, dass es nicht alle Menschen gleichermaßen sind, die dazu beitragen, diesen Planeten zu vergiften. Seit dem Beginn der Industrialisierung stoßen viele von uns „homo sapiens“ Tag für Tag sogenannte Treibhausgase, insbesondere Kohlendioxid, in hohen Mengen aus. Diese Gifte hüllen, so die Anamnese der Ärzte, unseren Planeten zwischenzeitlich so dicht ein, dass er seine natürlichen Möglichkeiten, die Erdtemperatur über die Atmosphäre auszugleichen zu verlieren droht. Die Ärzte haben lange einen Namen für diese Krankheit gesucht; zwischenzeitlich besteht ein sehr breiter Konsens in Bezug auf den Verursacher der Krankheit: den Menschen selbst. In der Sprache der Ärzte wird diese Krankheit folglich mit dem Begriff „anthropogene Erderstickung“ bezeichnet.

Was aber tun, um unseren Planeten zu helfen und sein Fieber bestmöglich einzudämmen und das Ersticken zu verhindern? Wenn man die Malaise wirklichkeitsgetreu benennt, wird gleich klarer, wo die Therapie ansetzen muss: beim menschlichen Verhalten. Und dabei, dass wir die Exposition unseres Planeten mit den Treibhausgasen binnen weniger Jahre auf ein absolutes Minimum zurückführen sollten.

Doch wie bei vielen selbst verschuldeten Krankheiten, nicht zu Unrecht „Zivilisationskrankheiten“ genannt, liegt die Therapieempfehlung schon lange vor, aber kaum einer mag sie ernsthaft beherzigen. Zuletzt wurde die Therapie ausgiebig im Dezember 2015 in Paris bei der COP 21 besprochen, und alle Teilnehmer kamen überein, dass man nun wirklich Maßnahmen ergreifen wolle, die das Erdfieber auf einen Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad, bevorzugt aber auf 1,5 Grad begrenzen sollten. Doch der Dezember ist lange her und der Kampf gegen die Zivilisationskrankheit Erderstickung könnte wieder an Verve verlieren. Leider gerade auch dort, wo bereits seit langen Jahrzehnten besonders viel Gift ausgestoßen wurde und immer noch wird, nämlich hierzulande. Nicht nur, dass die Therapie „Energieeffizienz“ viel besprochen, aber wenig angewendet wird. Auch die Umsetzung der Kurativmaßnahme „Ausbau der Erneuerbaren Energien“, die ebenso als ein wichtiger Weg zur generellen Senkung der Treibhausgasexposition unseres Planeten empfohlen wird, verliert gerade massiv an Rückhalt bei Teilen des Pflegepersonals. Vor wenigen Jahren noch mit viel Enthusiasmus in die Wege geleitet, verliert man sich immer mehr im „Ob und Wie“ ihrer möglichen Anwendung und lässt die Umsetzung schleifen.

Umso erhellender sind die Diskussionen über die Art und Weise, wie diese Heilmaßnahme „Ausbau der Erneuerbaren Energien“ praktiziert werden soll. Da fürchten die einen, dass diese Therapie zu teuer werden könne und fordern, die Kosten der Behandlung der Krankheit unseres Planeten zu schon mal im Voraus zu begrenzen. Andere diskutieren heftig über die möglichen Nebenwirkungen einer hochdosierten Anwendung des Medikamentes Erneuerbare Energien, und fordern, es nur noch tröpfchenweise zu verabreichen. Die Nebenwirkungen einer höheren Dosierung werden dafür umso heftiger in die Debatte eingebracht, genauso wie die Gegenmittel einer befürchteten Überdosierung. Da ist vom „Strommarkt irgendwas-punkt-null“ die Rede oder von „sektorenübergreifender Überschussstromnutzung“, unabhängig davon, dass man diese Gegenmittel bei der aktuellen Dosierung schlicht nicht braucht. Nicht zuletzt entbrennt nun ein Streit darüber, ob wir denn auch ausreichend Kanülen besäßen, um das Medikament Erneuerbare Energien auch in großen Dosen verabreichen zu können. Vorsichtshalber wird daher empfohlen, erst einmal ausreichend Kanülen zu produzieren, bevor man das Medikament weiter verabreichen könne. Und zwischenzeitlich wartet und leidet unser fiebergeschwächter Patient.

Hören wir auf, von einem abstrakten „Klimawandel“ zu reden, der weder die bereits eingetretenen Symptome noch den höchstwahrscheinlich bevorstehenden weiteren höchst gefährlichen Krankheitsverlauf  in angemessener Weise beschreibt. Stattdessen sollten wir die Krankheit unseres (einzigen bewohnbaren!) Planeten mit dem Namen, den die Ärzte ihr verliehen haben, benennen: „menschengemachte Erderstickung“. Und damit wird es weitaus schneller einsichtig, dass es im gegenwärtigen Stadium keiner unbeholfenen Krankenpfleger mehr bedarf, sondern mutvollen Handelns in der Politik und der gesamten Gesellschaft, um  das dringend Notwendige zu tun: unsere Verantwortung für die Heilung unseren erkrankten Planeten zu übernehmen.

 

Eva Hauser ist stellvertretende wissenschaftliche Leiterin der IZES gGmbH.

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.