Unkonventionelles zum Öl

Der Ölpreisverfall unter 30 Dollar pro Fass ist eine von nur wenigen für möglich gehaltene Entwicklung. Ich hätte vor einem Jahr sofort eine Wette darauf angenommen, dass der Ölpreis ohne schwere politische oder wirtschaftliche Krise nicht derart weit absacken kann. Die grundlegenden Informationen über den Öl-Crash finden sich an vielen Stellen, zum Beispiel hier, hier und hier.

Drei Beobachtungen möchte ich jedoch hier als kleine Sammlung vorstellen.

1. Der niedrige Ölpreis macht die Modernisierung der Energie-Infrastruktur in vielen Bereichen unattraktiv – und zwar per sofort

Wer glaubt, dass der niedrige Ölpreis kaum Auswirkungen auf Infrastruktur und Investitionen haben wird, könnte sich noch wundern. Öl ist derzeit einfach unglaublich billig, und wenn der Preis noch eine Weile in etwa auf dem heutigen Niveau bleibt, werden eine Reihe von Märkten durcheinandergeworfen. Wer mit Öl heizt, ist das erste Mal seit 15 Jahren richtig fein raus. Der Preisabstand zu Gas ist enorm. Knapp 1300 Euro kostet es laut diesem Vergleich, ein wenig isoliertes Einfamilienhaus ein Jahr lang mit Öl zu heizen. Die entsprechende Gasrechnung liegt selbst bei einem eher günstigen Preis von sechs Cent pro Kilowattstunde bei über 2000 Euro. Sogar Holzpelletheizungen, die eine relativ hohe Investition erfordern, haben höhere Brennstoffkosten. Klar: Verbraucher werden nicht darauf vertrauen, dass der Ölpreis so niedrig bleibt. Gleichzeitig kann man davon ausgehen, dass Gas und Pellets günstiger werden, sollte Öl weiter so billig bleiben. Aber derzeit ist enorm viel Luft nach oben. Selbst wenn sich die Kostenabstände etwas verringern, bleibt Öl attraktiv. Einem Hausbesitzer mit Ölheizung, der den Umstieg erwägt und keinen gesteigerten Wert auf die Ökobilanz legt, kann man derzeit vor allem zu einem raten: Abwarten.

Auch für die Elektromobilität ist der Ölpreisverfall ein großes Problem. Selbst in Deutschland, wo hohe Steuern Benzin- und Dieselpreis trotz Öl-Crash auf einem stattlichen Niveau halten, sieht die Rechnung der laufenden Kosten nicht mehr wirklich überzeugend aus. Bei einem Dieselpreis von 90 Cent pro Liter und 10 Litern auf 100 Kilometer und einem damit hoch angesetztem realem Verbrauch (Oberklasse-Limousine) kosten 100.000 Kilometer Fahrleistung 9000 Euro. Bei einem Dieselpreis von 1,35 Euro (Schnitt des Jahres 2014 in Deutschland) waren es 13.500 Euro. Ein Tesla S schluckt laut Straßentests etwas mehr als 20 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Die Kosten auf 100.000 Kilometer bei einem Garagen-Lader mit durchschnittlichen Stromkosten von 28 Cent belaufen sich also auf 5600 Euro. Durch den Ölpreisverfall ist in diesem Beispiel der Preisabstand zwischen Oberklasse-Diesel zu Oberklasse-Elektroauto also von 7900 Euro auf magere 3400 Euro geschrumpft. Ist das überhaupt noch eine relevante Größenordnung? Und: Verpufft dadurch die Kaufprämie, die eingeführt werden soll?

2. Die kommenden Wochen werden zeigen, wo für viele Projekte der kurzfristige Förderpreis für Erdöl liegt

Trotz aller politischen Spekulation: Letztlich wird auch der Ölpreis entscheidend durch das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bestimmt. Mittel- und langfristig verknappt der niedrige Ölpreis das Angebot nachhaltig, weil heute Investionen in Projekte unterbleiben, die morgen Öl fördern würden. Je niedriger der Preis sinkt, desto mehr Ölförderer geraten jedoch auch in der kurzen Frist in massive Schwierigkeiten, nämlich in den Cash-negativen Bereich. Das heißt die Ölproduktion kostet mehr als sie hereinspielt, selbst wenn man die anfänglichen Investitionen nicht berücksichtigt. Dann wird der Verschluss des Bohrlochs zur realen Option und das Angebot könnte sehr kurzfristig schrumpfen. Der absolute Preisboden des Ölmarkts wäre erreicht. Die Angebotskurve von Öl wird in diesem leider schon etwas älteren Chart gezeigt. Als erstes scheiden wohl Mini-Quellen in den USA aus, die aus weitgehend leeren Öllagerstätten noch die letzten Reste quetschen. Auch für kanadische Ölsande mit Produktionskosten von etwa 40 Dollar pro Fass wird es jetzt eng. Jedoch sinken mit den Energiepreisen auch diese Kosten immer weiter, denn sie bestehen zu erheblichen Teilen aus der Energierechnung. Nordseequellen produzieren zu etwa 50 Dollar pro Fass. Allerdings ist das Schließen eines Ölfeldes mit erheblichen Kosten verbunden. Und: Bei einem erneuten Anzapfen muss wieder viel Geld in die Hände genommen werden. Das macht Quellenschließungen zu einer Horror-Option, die nur im absoluten Notfall gezogen wird.

Und es ist der Grund, warum das Angebot nicht schon viel stärker auf die niedrigen Ölpreise reagiert hat. Der Ölpreis müsste wohl dauerhaft niedrig bleiben, damit es reihenweise zu Produktionsstopps kommt. Selbst die US-amerikanischen Fracking-Produzenten sind wohl, was die kurzfristigen Kosten bereits erschlossener Quellen angeht, wohl häufig noch im Geld. Sie liegen meist zwischen 10 und 20 Dollar.

Insgesamt ist das Angebot (kurzfristig) also erstaunlich unempfindlich für niedrige Preise. Bei einem Ölpreis von 40 Dollar, so eine etwas ältere Schätzung, sind nur 1,6 Prozent der globalen Ölproduktion Cash-negativ. Bei 30 Dollar oder darunter dürfte sich der Kreis der Betroffenen aber schon deutlich erweitert haben. Die kommenden Wochen werden allerdings dennoch die ersten Opfer fordern. Bald gibt es Klarheit, wer als erstes in die Knie geht. Oder, wie es in den USA heißt: Das „Chicken Game“, das Feiglingsspiel, hat begonnen.

3. Verhandlungen über ein Klimaabkommen und die mögliche Dekarbonisierung der Weltwirtschaft machen strategische Förderkürzungen unattraktiver

Nun ein Wechsel zu einem deutlich abstrakteren Thema, das jüngst vom Generalsekretär des World Energy Council (WEC) in einem Interview mit energypost.eu aufgeworfen wurde: Was bedeutet es eigentlich für das strategische Verhalten der Ölproduzenten, wenn sich ein globaler Klima-Pakt anbahnt? Die Ergebnisse des Gipfels in Paris reichen natürlich noch nicht aus, um eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu erreichen. Aber der Prozess läuft weiter. Dass in den kommenden 20 Jahren wirklich relativ umfassend, effektiv und global mit der Dekarbonisierung begonnen wird, ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Die sogenannte Hotelling-Regel gilt als aussagekräftiger theoretischer Leitfaden für das Verhalten eines ölfördernden Landes.

Vereinfacht gesprochen besagt das Theorem, dass es bei einer immer knapper werdenden Ressource besser ist, nicht die maximale Menge zu fördern. Denn der Preis steigt ja in Zukunft. Laut der Formel müsste ein rationaler Ölförderer seine Ölförderung einschränken oder ganz stoppen, wenn er erwartet, dass Öl pro Jahr eine höhere Preissteigerung hat als das derzeitige Zinsniveau liegt. Andersherum sollte er maximal viel fördern, wenn die Preissteigerung geringer ist. Wenn man davon ausgeht, dass Öl durch hohe Kohlenstoffbepreisung in Zukunft an Wert verliert, ist es dagegen rational, den Ölhahn schon heute maximal aufzudrehen.

Die Aussagekraft solcher Modelle für die Realität ist eng begrenzt. Drückende soziale und fiskalische Probleme in vielen Ölförderländern sind für die dortigen Eliten wohl handlungsrelevanter als abstrakte, langfristige Überlegungen. Gleichzeitig drückt die Hotelling-Regel aber präzise den fundamentalen „Shift“ aus, den ein Weltklima-Abkommen für Ölförderländer bedeutet: Übermorgen kann man mit Öl vielleicht nicht mehr viel verdienen. Also sollte man es lieber heute aus dem Boden holen. Oder, in den Worten des WEC-Chefs Christoph Frei: „Ölreiche Länder werden den Kontext, in dem sie produzieren, neu betrachten, und das wird den Kartellgedanken schwächen. Die Logik, jetzt sofort so viel wie möglich zu produzieren, wird überzeugender“ (eigene Übersetzung).

 

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