Übertragungsnetzbetreiber erwarten massiven Wertverlust für Solarstrom

Je mehr Grünstrom-Kraftwerke gebaut werden, desto niedriger sind die Einnahmen, die sich damit beim Verkauf erzielen lassen. Denn die Anlagen produzieren den Strom großenteils gleichzeitig. Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, werden die Handelsplätze mit zusätzlichem Stromangebot geflutet und die Preise sinken dort. Diesen Wertverlust von Wind- und Solarstrom haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich diskutiert.

Auch die deutschen Netzbetreiber müssen diesen Effekt im Auge behalten, denn er hat Einfluss auf die EEG-Umlage. Je niedriger dieser „Marktwertfaktor“ der der grünen Elektrizität, desto geringer sind die zu erwartenden Erlöse aus dem Verkauf des EEG-Stroms an den Börsen, und desto stärker muss die EEG-Umlage für die Verbraucher angehoben werden.

Wie stark fällt dieser Effekt in den kommenden Jahren aus? Schon bis 2020 geht die Beratungsgesellschaft Energy Brainpool in ihrem dazu veröffentlichten Gutachten im Auftrag der Übertragungsnetzbetreiber von einem sehr erheblichen Preisverfall aus, vor allem bei Wind Onshore und der Solarenergie, den beiden wichtigsten Erzeugungsarten. So soll der Wertigkeitsfaktor von Wind von zuletzt rund 0,85 auf rund 0,75 sinken. Das heißt, Windräder erzielen mit ihrer Stromerzeugung im Jahr 2020 im Schnitt nur 75 Prozent des Börsenstrompreises („base price“). Das Gutachten aus dem Vorjahr sagte sogar ein noch schnelleres Absinken vorher (siehe Grafik).

Grafik Wertigkeit Wind

Neu ist allerding der vorausgesagte Absturz der Wertigkeit von Solarstrom. Bislang war lediglich ein minimal niedrigerer Wert als der Durchschnittsstrompreis angenommen worden. Nun soll Solarstrom auf einen Wert von 0,85 sinken – dramatisch niedriger als der Faktor  1,33, der noch vor zehn Jahren erzielt wurde und deutlich niedriger als die Wertigkeit von 1,05, die noch vor wenigen Jahren in Aussicht standen (siehe Grafik).

Grafik Wertigkeit Solar

Was ist der Grund für diesen Rückgang des Marktwertes? Am prognostizierten Zubau neuer Solaranlagen kann es nicht liegen. Weiterhin werden neue Anlagen mit einer Kapazität von grob zwei Gigawatt pro Jahr als Kalkulationsgrundlage verwendet. Laut Thorsten Lenck, einem der Autoren von Energy Brainpool, ist ein anderer Effekt der Hauptgrund: Das Beratungshaus geht in seinen neuen Berechnungen davon aus, das relativ teure Gaskraftwerke zur Mittagszeit deutlich seltener den Preis setzen. Denn sie sind weitgehend von Kohlekraftwerken verdrängt worden, die nicht nur von günstigen Verschmutzungsrechten profitieren, sondern vor allem von stark gesunkenen Kohlepreisen auf dem Weltmarkt.

Die Folge laut Lenck: Einer der Vorteile beim Verkauf von Solarstrom, nämlich dass er in der nachfragestarken Mittagszeit produziert wird, zu der im Verhältnis zum Schnitt teure Gaskraftwerke häufig die Preise bestimmen, schwächt sich ab.

Wind Offshore übrigens ist trotz des weiteren Ausbaus übrigens relativ preisstabil, da ein Teil der Produktion in Zeiten anfällt, in denen Windkraftanlagen auf Land kaum noch Strom produzieren können.

Der Blick auf die Marktwertfaktoren zeigt, wie komplex die Wechselwirkungen am Strommarkt sind. Die EEG-Umlage kann, wie sich zeigt, schon durch im Vergleich zu Gas stärker sinkende Kohlepreise beeinflusst werden.

Insgesamt wird jedoch auch deutlich: Je mehr erneuerbare Stromquellen in Deutschland in Betrieb sind, desto niedriger ist ihr Wert – was letztlich nichts anderes ausdrückt als die leicht einleuchtende Tatsache, dass erneuerbare Energien eben nicht nur dann Strom erzeugen, wenn die Nachfrage dafür besonders hoch ist.

Lion Hirth leitet das energiewirtschaftliche Beratungsunternehmen Neon und forscht am MCC. Auf dem Phasenprüfer schrieb er bereits über das Thema im Beitrag die Die Ökonomie der Energiewende.

Jakob Schlandt ist Mitherausgeber des Phasenprüfers.

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7 comments for “Übertragungsnetzbetreiber erwarten massiven Wertverlust für Solarstrom

  1. Christoph Podewils
    8. Januar 2016 at 01:13

    Das ist alles richtig und einleuchtend – bis auf den letzten Absatz. Stellen wir uns vor, dass PV und Wind genau 100% der Nachfrage decken. Wir haben dann kein Überangebot. Dennoch wird zu diesem Zeitpunkt der Strompreis bei 0 liegen. Denn es gibt zu diesem Zeitpunkt kein preissetzendes Kraftwerk mit Grenzkosten mehr. Es sind also nicht die EE, die ihren Wert kanibalisieren, sondern die Mechanismen des Strommarktes, die keine Bewertung ermöglichen.

    • 10. Januar 2016 at 17:48

      wir haben da eine Technologie am Start die kann solar- und Gas oder Holz oder was auch immer warm macht gleichzeitig vor allem kostenlose Abwärme mit hohem Wirkungsgrad in elektrischen Strom umsetzen. wir suchen noch Investoren für die erste Anwendung. es locken enorme gewinne weil es eine neue säule der erneuerbaren energien werden kann.

      Labormuster und Prototypen funktionieren schon und haben das Prinzip theoretisch UND Praktisch bewiesen. die maschinen stehen und funktionieren.

      nun muss ne Anwendung dran…. KFZ oder andere Verbrennunsmaschienen können damit auch extrem bis zu 50% Wirkungsgrad gesteigert werden.

      bitte weiter sagen damit helft ihr sehr DANKE

      siehe

      http://thermo-oscillation.de/

  2. Craig Morris (@PPchef)
    8. Januar 2016 at 16:55

    Genau so ist es, Christoph: there is no merit to the merit order. Es ist einfach der falsche Mechanismus, um Solar & Wind — die auf das Wetter, nicht auf Stromnachfrage, reagieren — zu vergüten. Wenn viel Wind & Solar da ist, bewertet der Markt diese Menge mit Null. Denkfehler: die Vergütung für das Grenzkraftwerk soll nun die Vergütung für das Ganze sein.

    Wir dürfen Markt nicht mit merit order gleichsetzen. Solar & Wind müssen anders bewertet werden. Womit aber nur….

  3. Niels Schnoor
    15. Januar 2016 at 10:45

    @Christoph Podewils:
    Das bestehende Marktdesign mag für die erneuerbaren Energien nicht ideal sein.
    Aber zu sagen, dass bei einem Anteil von 100 Prozent der Großhandelspreis immer Null sein muss, weil die Erneuerbaren keine Grenzkosten haben, finde ich etwas gewagt.
    Zunächst einmal haben Wind- und Solarenergie in der kurzen Frist (die für den Strommarkt relevant ist) keine Grenzkosten von Null. Denn das würde ja bedeuten, dass wir die Produktion aus diesen Anlagen zu jedem Zeitpunkt beliebig nach oben fahren könnten. Das ginge aber nur, wenn wir entweder die Sonneneinstrahlung bzw. die Windstärke erhöhen oder extrem kurzfristig neue Anlagen hinzubauen könnten. Beides ist können wir de facto nicht. Die Grenzkosten von Wind- uns Solarenergie sind also nicht Null, sondern Unendlich. Oder anders formuliert: Das Angebot von Wind- und Solarstrom ist vollkommen preisunelastisch (die Angebotskurve ist vertikal, nicht horizontal). Im Zusammenspiel mit einer zunehmen preiselastischen Nachfrage können sich am Markt also sehr wohl Strompreise ergeben, die größer sind also Null – zumindest nach meinem ökonomischen Verständnis.
    Aber vielleicht habe ich irgendwo einen Denkfehler?

    • Jakob Schlandt
      17. Januar 2016 at 16:49

      Eine interessante Diskussion, vielen Dank. Zu Herrn Schnoor zunächst: Sehr gut, dass sie auf das (fast) vollständig preisunelastische Angebot hinweisen, dessen Beschreibung als Vertikale ich aber etwas einschränken würde. Bei Solar ist die Angebotskurve wohl wirklich vollkommen senkrecht, bei Wind gibt es wegen Abnutzung evtl. doch minimale Grenzkosten (kann ich nicht genau beurteilen, ob das kurzfristig relevant ist oder auch das Anhalten z.B. Verschleiß verursacht). Bei Biomasse sieht es dann doch wieder ganz anders aus. Da ist die derzeit kaum vorhandene Preiselastizität des Angebots einfach nur Regulierungsversagen.
      Nehmen wir aber modellhaft an, dass das EE-Angebot völlig preisunelastisch ist. Nimmt man dann Christoph Podewils dann beim Wort und geht von 100% Erneuerbare aus, stimmt es schon dass bei einer Deckung der Nachfrage zu 100% in jeder Sekunde des Jahres der Strompreis immer bei (quasi) null liegen würde. Aber ist es realistisch bzw. auch nur irgendwie vorstellbar, dass Wind und Solar 100% der Zeit 100% des Bedarfs decken? Mit Sicherheit nicht, in einer Dunkelflaute werden auch 10.000 GW installierte Wind- und Solarleistung den Bedarf nicht decken können. Vielmehr wird es gerade in einem weitgehend aus fluktuierenden Erneuerbaren Energien bestehenden Erzeugungsmarkt große Flexibilitätsoptionen geben, z.B. Turbinen, die für wenige Stunden pro Jahr die Spitzenlast decken bzw. Speicheroptionen bzw. nachfrageseitige Optionen. Diese werden weiterhin eine Bepreisung elektrischer Leistung in bestimmten Zeiten ermöglichen. Und dadurch auch zeigen, dass es sehr wohl einen Kannibalisierungseffekt der fluktuierenden erneuerbaren Energien gibt. Im übrigen würden zum Beispiel große Speicher dafür sorgen, dass es auch in Zeiten eines Überschusses (sofern dieser nicht zu groß ist und/oder zu lange anhält) einen Marktpreis über Null gibt, weil eingespeichert wird. De facto gibt es dann eine Nachfrage, die weit über der Spitzenlast der „konventionellen“ Verbraucher liegen kann.
      Die Diskussion um den Wertverlust von fluktuierendem EE-Strom ist also meines Erachtens nicht nur valide. Sie ist auch äußerst nützlich und kann dabei helfen, dass Regulierer und Investoren bessere Entscheidungen treffen. Das hat zum Beispiel Lion Hirth in seinem Beitrag „Die Ökonomie der Energiewende“ (http://phasenpruefer.info/oekonomie-energiewende/) herausgearbeitet. Ich zitiere: „Modellergebnisse zeigen, dass drei weniger offensichtliche Integrationsoptionen einen größeren Effekt haben: die Anpassung des konventionellen Kraftwerksparks; die Flexibilisierung von Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerken; und eine andere Auslegung von Windturbinen.“
      Den Wertverlust und die Kannibalisierung von EE zu ignorieren bzw. mit einem unplausiblen Extremszenario zu „widerlegen“ wäre in meinen Augen also ein Bärendienst an der Energiewende.

      • Alexander Zipp
        27. Januar 2016 at 10:48

        „Den Wertverlust und die Kannibalisierung von EE zu ignorieren bzw. mit einem unplausiblen Extremszenario zu “widerlegen” wäre in meinen Augen also ein Bärendienst an der Energiewende.“

        Dem kann ich nur zustimmen. Der systematische Werteverlust der FEE-Stromerzeugung (Merit-Order-Effekt) aufgrund einer zunehmenden FEE-Einspeisung ist statistisch nachweisbar. Ob die Finanzierung der langfristigen (F)EE-Stromerzeugungsziele ohne ein staatliches Instrument im derzeitigen Marktdesign möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab. U.a. von der erwähnten Preiselastizität der Nachfrage, der Entwicklung der CO2-Zertifikatspreise, dem Abbau von Subventionen für fossile Stromerzeugung oder auch der Anpassung des konventionellen Kraftwerksparks an die dargebotsabhängige Erzeugung (=preisunelastisches Angebot). Die bisherigen Beobachtungen lassen Zweifel daran aufkommen. Entscheidend ist jedoch, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. Sollten deswegen die (F)EE-Stromerzeugungsziele, ein Kernelement der Energiewende, aufgegeben werden? Oder sollte man an diesen Zielen festhalten und sich damit auseinandersetzen, dass möglicherweise langfristig ein Instrument zur Refinanzierung der FEE-Anlagen notwendig ist. Das würde nicht zwangsläufig bedeuten, dass die grenzkostenorientierte Kraftwerkseinsatzplanung (über den Stromgroßhandel) „abgeschafft“ werden müsste. Jedoch würde es bedeuten, dass staatliche Regulierungen eine größere Rolle im Stromsektor spielen, als dies der Grundgedanke der Liberalisierung ursprünglich vorgesehen hat.

  4. Niels Schnoor
    18. Januar 2016 at 12:18

    Strom ist und bleibt ein knappes Gut – trotz Ausbau von Wind- und Solaranlagen. Und knappe Güter haben immer positive Preise – zumindest dann, wenn es eine Nachfrage mit positiver Zahlungsbereitschaft gibt. Und die gibt es bei Strom.
    Die Ursache der sinkenden Großhandelspreise liegt meiner Meinung nach nicht in den erneuerbaren Energien als solchen, sondern vielmehr in der Zunahme des Angebots. Angenommen, es gäbe in Deutschland nur eine einzige (sehr große!) Windenergieanlage, die allein für die gesamte Stromversorgung im Land verantwortlich wäre. Ich glaub kaum, dass der (knappe) Strom aus dieser Anlage an der Börse nur einen Preis von Null erwirtschaften würde. Bei einem unelastischen Angebot ist die Nachfrage preissetzend. Und ich kann mir vorstellen, der ein oder andere Mensch in diesem Lande wäre durchaus bereit, für den Strom aus dieser Windanlage mehr als Null Euro zu bezahlen 😉

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