Servus, Österreich!

Die Bundesnetzagentur erwägt, den österreichischen vom deutschen Strommarkt abzutrennen, womöglich schon 2018. Damit wäre die seit 2002 bestehende gemeinsame „Gebotszone“ Geschichte, die es Stromhändlern bislang ermöglicht, Elektrizität in Deutschland und Österreich nach belieben und ohne Preisunterschiede zu kaufen und zu verkaufen. Die Nachricht habe ich sowohl auf Deutsch (BIZZ energy today) als auch auf Englisch (Clean Energy Wire) aufgeschrieben.

Die wichtigsten Fakten: Die Bundesnetzagentur räumt in einer Anfrage ein, die Spaltung des Marktgebiets zu erwägen. Durch die Abkopplung Österreichs würde sich laut Bundesnetzagentur das Risiko für die Versorgungssicherheit in Deutschland, Polen und Tschechien verringern. Im Augenblick würden nur umfangreiche Redispatch-Maßnahmen die Stabilität garantieren. Beim sogenannten Redispatch werden Kraftwerke, die eigentlich aufgrund der Marktlage nicht in Betrieb wären, von den Netzbetreibern trotzdem angefordert Strom zu produzieren, um Ungleichgewichte im Stromnetz auszubalancieren.

Anlass meiner Anfrage bei der BNetzA war, dass ich bei einer Recherche noch einmal den Bericht über den Reservekraftwerksbedarf für die kommenden Winter studiert habe. Auffällig: 2019/20 sinkt der Bedarf rapide von derzeit rund sieben auf 1,6 Gigawatt – weil in den Berechnungen davon ausgegangen wird, dass es den Markt mit Österreich in dieser Form nicht mehr gibt.

Wie gesagt, die Fakten kann man in den oben genannten Artikeln nachlesen. Ich will mich hier auf einige Einschätzungen konzentrieren, die ich zur Diskussion stelle. Was für Schlüsse kann man daraus ziehen, dass womöglich bald Österreich vom deutschen Markt abgehängt wird?

I. Die physische Realität lässt sich durch Marktintegration nicht außer Kraft setzen. In ihren Berechnungen für 2020 geht die Bundesnetzagentur davon aus, dass zeitweise Handelsströme von 10 Gigawatt nach Österreich fließen. Die Nachfrage in Österreich setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Dem inländischen Verbrauch und dem weiteren Export in die Nachbarländer. So erhält Italien, auch über den Umweg Schweiz und Slowenien, erhebliche Strommengen aus Österreich, also derzeit marktseitig betrachtet aus Deutschland/Österreich. Import aus dem deutsch-österreichischen Marktgebiet ist immer dann attraktiv, wenn in Deutschland ein Überangebot herrscht, zum Beispiel, weil gerade besonders viel Windkraft aus Norddeutschland ins Netz drückt. Vereinfacht gesprochen: Ein norddeutsches Windrad oder ostdeutsches Braunkohlekraftwerk konkurriert dann mit einem Gaskraftwerk in der Steiermark oder, sofern es die Kuppelkapazitäten weiter im Süden zulassen, sogar der Po-Ebene. Die Handelsströme von 10 Gigawatt lassen sich aber gar nicht durch das Stromnetz abbilden, denn dort erwartet die Bundesnetzagentur, dass die Exportkapazität Deutschland-Österreich bei 5,5 Gigawatt stagniert. Die logische Folge sind: 1. Massive Ringflüsse („Loop Flows“) um das deutsch/österreichische Marktgebiet herum, über die die Osteuropäer seit Jahren klagen und die zur Einrichtung von sogenannten Phasenschiebern, de facto Netzsperren, an der Grenze führen. 2. Gewaltiger Bedarf an Redispatch (die „deutschen“ und von den hiesigen Netzbetreibern bezahlten Reservekraftwerke stehen übrigens nicht nur in Österreich, sondern sogar in Italien! Eine absurde Entwicklung).

II. Eigentlich wäre die Abkopplung Österreichs nur ein Bauernopfer, um den logischen Schnitt zu vermeiden: Die Spaltung Deutschlands in zwei Preiszonen. Das wäre politisch eine Bombe, müsste der Süden doch mit deutlich höheren Strompreisen rechnen. Aber es wäre die konsequente Schlussfolgerung. Der Redispatch-Bedarf besteht hauptsächlich durch die Ungleichgewichte zwischen Nord- und Süddeutschland. So mussten bei der letzten netzkritischen Situation während des Sturmtiefs Niklas Ende März/Anfang April 2015 sage und schreibe 18 Kraftwerke inklusive eines Zugriffs auf das Schweizer Netz abgerufen werden, um die riesigen Windstrommengen aus Norddeutschland zu kompensieren. Ohne diese drastischen Eingriffe wäre eine Leitung von Thüringen nach Bayern mit 150% belastet gewesen, heißt es in dem Bericht der Netzagentur. Kein Wunder, dass bis jetzt kaum jemand über die Abkopplung Österreichs diskutiert, wenn die gefährliche Bruchstelle doch innerhalb Deutschlands ist. Quasi alle relevanten Studien, zuletzt zum Beispiel diese hier von Consentec, beschäftigen sich lediglich mit der Abspaltung Norddeutschland von Süddeutschland/Österreich, nicht mit der Abtrennung der Österreicher (Anmerkung: Consentec sieht die Aufspaltung skeptisch, die Studie wurde allerdings von der Strombörse EEX bezahlt, die vom großen Marktgebiet profitiert).

III. Die Rhetorik vom Zusammenwachsen der europäischen Energiemärkte ist nichts weiter als das: Rhetorik. Schon 2014 sollte laut den EU-Plänen der europäische Strommarkt vereinheitlicht sein. Natürlich gab es Fortschritte, vor allem in der technischen Zusammenarbeit und bei der Vereinheitlichung des Handels. „Die europäischen Märkte wachsen weiter zusammen“, dieses Zitat aus dem Wirtschaftsministerium klingt angesichts der Spaltungs-Pläne der ihm unterstellten Bundesnetzagentur nur noch wie Wunschdenken. Leider zeichnet sich eine gegenläufige Entwicklung ab. Denn die Strommärkte werden, nicht nur in Deutschland, volatiler. Da der Ausbau der Import- und Exportverbindungen aber kaum vorankommt, bleibt nichts anderes übrig, als die physischen Realitäten dieser Entwicklung zu akzeptieren. Und das heißt eben womöglich: Servus, Österreich, wir koppeln euch ab. Willkommen, größter Integrationsrückschritt, den es je im Energienetz Zentraleuropas gab!

Die Einführung von Kapazitätsmärkten in vielen Ländern, aber nicht in Deutschland, dürfte das Problem sogar noch weiter verstärken. Dann gibt es einen zusätzlichen Faktor, bei dem die Entwicklung in den einzelnen Ländern auseinanderläuft. Unterstützen die Franzosen beispielsweise massiv ihre eigenen Kraftwerke über den neu eingeführten Kapazitätsmarkt, rückt eine gemeinsame „Bidding Zone“ mit Deutschland in noch weitere Ferne.

 

 

Share

5 comments for “Servus, Österreich!

  1. Jochen
    18. Juni 2015 at 14:33

    Diese neue Abkopplungs-Idee ist tatsächlich reichlich sonderbar, denn bislang schien ja alles in Richtung einer EU-weiten Integration der Strommärkte zu gehen. Was dem Stromhandel betrifft ist das ja schon größtenteils realisiert, und die physische Verknüpfung schien zumindest in Arbeit. Hintergrund für die aktuelle Abschottungs-Initiative könnten die Kohlekraftwerksbetreiber in Polen und Tschechien sein, deren nationale Netze zunehmend von deutschem Billigstrom überflutet werden, was irgendwann auch deren bisherige Marktmacht bedroht. Und natürlich die sonderbare Energiepolitik Bayerns – die allerdings außerhalb der Staatskanzlei wohl niemand wirklich durchschaut.

  2. Nikolas Wölfing
    24. September 2015 at 15:26

    Ich halte es für irreführend bis schlicht falsch von einer Desintegration zu sprechen wenn man Preiszonen spaltet sofern die Marktkopplung bestehen bleibt. Es geht einfach um die ökonomische Anerkennung physischer Realitäten, denn gibt es keinen Engpass, dann gibt es auch keine Preisunterschiede. Vielleicht wäre es noch besser gleich in drei Preiszonen zu splitten: Österreich, Nord- und Süddeutschland.

    In den USA ist Nodal Pricing der Goldstandard für den Großhandel und das Engpassmanagement. Nach der im Beitrag und Kommentar vorgebrachten Logik wäre bspw. ERCOT kein integrierter Strommarkt sondern haltlose Kleinstaaterei; das ist offensichtlicher Unfug.

    Wenn der Netzausbau nicht vorankommt macht es keinen Sinn sich über den Split von Marktgebieten zu beklagen. Und wenn der Netzausbau kommt, dann ist die Trennung der Marktgebiete aufgrund der Kopplung wiederum irrelevant.
    Merke: gemeinsame Preiszonen machen noch keinen gemeinsamen Markt. Gute Netze, Kopplung und einheitliche Regulierung hingegen schon.

    • Ulenspiegel
      30. September 2015 at 18:16

      Wenn ich dei Situation (als Laie) richtig verstehe, ist eine Hauptursache für die Misere fehlende Leitungskapazität innerhalb Deutschlands. Da dieser Engpass bis 2020 beseitigt werden soll, ist die Frage, ob eine Auflösung des Marktes für zwei Jahre die sinnvolle Lösung ist.

      Oder wenn ich die österreichische Position mir ansehe, dann entsteht der massive Eindruck, dass die Planspiele der Bundesnetzagentur als Schuss vor den Bug verstanden worden sind. Es wird nun unumwunden zugegeben, dass Österreich massiv von dem gemeinsamen Markt profitiert (300 Millionen EUR p.a.), bisher wenig Kosten gehabt hat und laut Verbund mit weniger als die Hälfte die nötige Kapazität zur Verfügung stellen könnte.

      Damit wird doch eine sinnvolle Lösung klar impliziert. Oder mache ich da einen Denkfehler?

      • Jakob Schlandt
        27. Oktober 2015 at 16:39

        Hallo Ulenspiegel,

        das sehen Sie meiner Meinung nach in Bezug auf die fehlenden Kapazitäten und Österreichs Rolle als Gewinner richtig. Das Land profitiert sicher überproportional vom gemeinsamen Marktgebiet. In der Theorie und teils auch in der Praxis profitieren aber alle von einem größeren Markt, der Handel mit Österreich ist also kein Nullsummenspiel, bei dem Deutschland 300 Millionen an p.a. an Österreich verliert. Zwei Anmerkungen noch. Erstens werden die Engpässe bis 2020 nicht beseitig sein. An nennenswerten neuen Leitungskapazitäten kommt nur die Thüringer Strombrücke neu ins Spiel. Ansonsten wird es kaum neue Leitungen, nach Österreich sogar gar keine geben. Die Gleichstromautobahnen sind dann vermutlich noch nicht einmal ansatzweise fertig. Ich denke der Handlungsdruck für die Bundesnetzagentur (und das dahinter stehende BMWi) ergibt sich eher aus den massiv hochschießenden Kosten für das Aussteuern der Marktungleichgewichte. Allein die Redispatch-Kosten liegen dieses Jahr vermutlich deutlich über 500 Millionen Euro und sie erreichen damit eine für die Bundesregierung sehr handlungsrelevante Größenordnung, zumal es vermutlich weiter nach oben gehen wird.

        Viele Grüße,

        Jakob Schlandt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.