Riesen ohne Energie

Das Buch „The Innovators Dilemma“ ist gerade auf dem Weg, ein Klassiker der Betriebswirtschaft zu werden. Die Grundthese des US-Ökonomen Clayton Christensen lautet: Wenn sogenannte disruptive Neuerungen einen Markt durcheinanderwirblen, haben die angestammten Konzerne schlechte Karten. In der stabilen Phase mit einem etablierten Marktmodell wurden sie darauf getrimmt, erstens auf die Nachfrage des Marktes zu hören und zweitens ihr Geschäftsmodell auf möglichst margenstarke, also gewinnträchtige Aktitivitäten zu konzentrieren. Drittens ist Größe ihr Ziel, dadurch können sie die Effizienz steigern und möglichst viel Marktmacht zusammenballen.

Genau diese Eigenschaften sind auch ihr Problem, wenn es zu einer Disruption kommt. Motor- gegen Segelschifffahrt, hydraulische gegen Seil-Bagger oder Hersteller von kleinen, teuren Festplatten gegen die großen, billigen: Das Geschäft mit einer neuen Technologie ist anfangs meist margenschwach, die Einsatzbereiche sind klein, die Kosten hoch. Die Parallele zum Energiesektor ist augenfällig: Die erneuerbaren Energien, die zu Beginn durch Subventionen für umweltfreundlichen Strom gestützt werden, sind die disruptive Technologie, die das alte Geschäftsmodell gefährdet. Ihre Kosten sind bereits dramatisch gefallen, und weltweit, bald vermutlich auch in Deutschland, entwickelt sich eine dynamische Nachfrage, die unabhängig von hohen Beihilfen ist.

An Christensens Thesen gibt es inzwischen auch Kritik,“Innovation“ und „disruptiv“ drohen zu Modewörtern zu werden, die übertrieben oft angewendet werden. Auch ist der Energiemarkt in vielerlei Hinsicht ein Spezialfall, mit seinen Monopolen (Netz), seiner umwelt- und industriepolitischen Bedeutung und damit Politisierung und mit ökonomischen Effekten wie der Merit-Order. Dennoch bin ich der Meinung: Der Markt für Elektrizität befindet sich in einer disruptiven Episode, wie sie Christensen so oft in der Wirtschaftsgeschichte gefunden hat. Und zweitens: Die großen Energiekonzerne befinden sich bereits in der von ihm ausführlich analysierten Niedergangsphase. Die zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass, viel schneller als zu Beginn von den Insidern erwartet, die Gewinne aus dem angestammten Geschäft wegbrechen und so sich die Aussichten der etablierten „Player“ innerhalb kurzer Zeit rasant verschlechtern.

In der Tat: Die Abwärtsspirale der deutschen Energieriesen dreht sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Der Vorsteuergewinn aus dem Betrieb von konventionellen Kraftwerken ist bei Eon 2013 um rund ein Drittel zurückgegangen. Bei RWE betrug das Minus sogar fast die Hälfte. Überkapazitäten und erneuerbare Energien haben für einen dramatischen Rückgang der Strompreise gesorgt, der sich noch nicht einmal voll in der Bilanz widerspiegelt, denn der Strom wird im Schnitt über ein Jahr im Voraus verkauft. An den Energiebörsen ist der Preisverfall weitergegangen, und eine Erholgung ist überhaupt nicht in Sicht. Strom zur Lieferung 2018 kann an der Börse EEX derzeit für 3,25 Cent pro Kilowattstunde gekauft werden, noch etwas weniger, als Strom für morgen kostet.

In Essen und Düsseldorf herrscht nun Alarmstimmung. Die Manager von RWE, denen übrigens anzurechnen ist, wie schonungslos sie ihre Situation offenlegen, erwarten „mittelfristig“ eine Halbierung des operativen Gewinns auf etwa drei Milliarden Euro (von 6,4 Milliarden im Jahr 2012). Die konventionellen Kraftwerke sollen dazu nur noch fünf bis zehn Prozent beitragen. Eon rechnet ebenfalls mit etwa zehn Prozent Ergebnisbeitrag. Ein vernichtender Ausblick. Das zentrale Asset der Energieriesen, die Kraftwerke, sind nach eigenem Bekunden also quasi vollständig entwertet worden.

Drei Milliarden Euro Gewinn, das klingt auf der anderen Seite gar nicht mal so übel. Doch die Fixierung auf die absolute momentane Gewinnhöhe lässt außer acht: Es ist lediglich operativer Gewinn, daraus müssen Zinsen, Steuern und natürlich auch die möglichen Ausschüttungen an die Aktionäre finanziert werden. Schon jetzt liegt das nachhaltige Nettoergebnis von RWE bei nur noch 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro in diesem Jahr. Bei einer Verschuldung von rund 15 Milliarden Euro allein am Kapitalmarkt (hinzu kommen Rücklagen für den Rückbau der Kernkraftwerke, latente Steuern und anderes) ist das ein Polster, auf dem man nicht mehr bequem sitzen kann.

Das zeigt sich auch beim Blick auf die innerhalb des Konzerns erzielten Verzinsungen. Eine aufschlussreiche Kennzahl ist der Return on Capital Employed (ROCE). Damit wird gemessen, wie hoch das investierte Kapital durch die Tätigkeit innerhalb des Konzerns verzinst wird. Dieser Wert lag bei RWE noch 2008 bei satten 17,2 Prozent. Inzwischen ist er auf 10,8 Prozent durchgesackt. Die sehr ähnliche Kennzahl ROACE liegt bei Eon sogar nur noch bei 9,2 Prozent. Damit liegt die intern erzielte Rendite nur noch knapp über den Kapitalkosten, also dem Zinssatz der an die Gläubiger bezahlt werden muss. Die Kapitalkosten liegen derzeit bei 9,0 (RWE) und 7,5 (Eon) Prozent.

Längst ist es also ein knappes Spiel gegen die Zeit geworden: Schaffen die Energieriesen es, von ihren gigantischen Schulden und damit hohen Zinszahlungen sowie den laufenden Kosten herunterzukommen, bevor sie von ihnen erdrückt werden? Die vor Jahren aufgelegten und immer weiter verschärften Einsparprogramme der beiden Konzerne, bei denen es um Milliarden pro Jahr geht, müssen schon erfolgreich sein und wenig Schaden anrichten um dazu stark beizutragen. Zweitens veräußern die Konzerne in ihrer Not ihre Kronjuwelen. RWE will zum Beispiel die Öl- und Gasproduktionssparte DEA für 5,1 Milliarden Euro an einen russischen Oligarchen verkaufen. Ein niedriger Preis angesichts der hohen Gewinne in den vergangenen Jahren.

Doch zurück zu Christensens These: Ist die Umwälzung in vollem Gange, merken die Platzhirsche auf einmal, dass ihnen die Puste ausgeht. Die Vorstandschefs von RWE und Eon, Peter Terium und Johannes Teyssen, wissen, wie schlecht es steht. Ihren Vorgängern, die finanziell viel mehr Spielraum für einen grundsätzlichen Strategiewechsel gehabt hätten, war das noch nicht klar. Sie erhöhten munter die Verschuldung und pumpten das geliehene Geld in neue Gas- und Kohlekraftwerke, die nun als Investitionsruinen, als „Stranded Assets“, enden.

Ist es nun schon zu spät zum Umsteuern? Vermutlich. Die neuesten Pläne über Investitionen in erneuerbare Energien und andere neue Geschäftsfelder illustrieren jedenfalls hervorragend, dass die Energieriesen kaum noch Power haben, um neue Geschäftsfelder zu erschließen. Fangen wir bei Eon an. 2012 wurden noch rund 1,8 Milliarden Euro global in Erneuerbare investiert, 2013 nur noch gut eine MilliardeDem Investitionsplan für die kommenden Jahre zufolge, der in einer kürzlich aktualisierten Kapitalmarktmitteilung enthalten ist, wird das Engagement nun weiter drastisch zurückgefahren. 2016 sollen es nur noch etwa 500 Millionen Euro sein – weltweit (Eon ist vor allem auch groß in die US-Windkraft eingestiegen).

Bei RWE sind die neuesten Kürzungspläne ebenso dramatisch. 2013 wurden von der Grünstrom-Tochter Innogy noch gut eine Milliarde Euro investiert. Dann hieß es, es könnten für 2014 und 2015 noch 500 Millionen werden, gepaart mit einem drastischen Personalabbau. Jetzt ist nur noch von einer Milliarde von 2014 bis 2016 die Rede, also nur rund 300 Millionen pro Jahr!

Von den hochtrabenden Plänen, schnell zu grünen Riesen zu werden, ist folglich jenseits von Lippenbekenntnissen kaum noch etwas übrig. Mit zusammen 800 Millionen Euro pro Jahr ließe sich von RWE und Eon gerade mal ein größerer Offshore-Windpark finanzieren.

Auf anderen ehemaligen „Wachstumsfeldern“ sieht es ebenso dürr aus. Eon fährt seine internationale Expansion quasi auf Null zurück und will kaum noch weiteres Geld investieren. Man könnte es auch böser formulieren: Dem guten soll nicht auch noch schlechtes Geld hinterhergeworfen werden. Auf das Abenteuer in Brasilien muss Eon nach dem derzeitigen Kursstand der brasilianischen Beteiligung Eneva einen Großteil der Investitionen abschreiben. Auch in der Türkei und Russland läuft es nicht mehr so gut wie gedacht.

In der dezentralen Energieversorgung und an neuen Lösungen wie Smart Grids versuchen sich zwar beide Energieriesen, aber ebenfalls ohne laut den Investitionsplänen ernsthaft Geld in die Hand zu nehmen. Der Aufsichtsrat hatte bereits voriges Jahr in einem geleakten Strategiepapier festgestellt, dass RWE aufgrund seiner hohen Kapitalkosten in all diesen Bereichen schlicht nicht konkurrenzfähig ist.

Was in einigen Jahren auf jeden Fall bleibt ist das regulierte sowie das traditionell kleinteilige Geschäft mit Endkunden. Netze und Vertrieb. Hier sind niedrigere Renditen zu erwarten als einst in der Erzeugung, die aber immerhin stabil sind. Zum Beispiel gibt es im deutschen Netz eine Maximalrendite von gut neun Prozent für die Betreiber. Etwas unsicherer ist das Vertriebsgeschäft, in dem die „verschwundenen Millionen“ der Billig-Vertriebstöchter E wie Einfach und Eprimo noch schmerzen. Aber immerhin ist es bei den Grundversorgertöchtern einigermaßen stabil. Mal sehen, ob das Restgeschäft angesichts der hohen Verschuldung ausreicht, um langfristig das Überleben zu sichern.

Natürlich könnte es auch glückliche Fügungen geben. Bei den alten Riesen gibt es die Hoffnung, dass sich möglicherweise der Strommarkt wieder erholen wird. Vom Markt erwartet wird das, siehe oben, bis zum Ende des Jahrzehnts allerdings nicht. Auch die geplanten Stilllegungen alter Kraftwerke werden nicht sonderlich dabei helfen, den Strompreis zu stabilisieren, wenn der Ausbau der Erneuerbaren wie geplant weitergeht.

Etwas Hilfe von der Politik könnte durch einen Kapaztitätsmarkt kommen, der Kraftwerke als Versicherung gegen Erzeugungsknappheit, die vor allem in Süddeutschland erwartet wird, durch staatliche Zahlungen am Markt hält. Doch auch die Energieriesen machen sich nicht allzuviel Hoffnung, dass dabei hohe Beträge herausspringen, die an der Misere grundsätzlich etwas ändern. Angesichts von Überkapazitäten bei konventionellen Kapazitäten in ganz Europa wird auch bei einer Auktionierung oder Ausschreibung von fossilen Kraftwerkskapazitäten nicht viel herauskommen. Und mit politischen Geschenken ist angesichts der erregten Diskussion um steigende Strompreise ohnehin nicht zu rechnen.

Dass die Energieriesen längst in Lebensgefahr schweben, ist per se noch kein gravierendes Problem, außer für die Mitarbeiter, die natürlich nicht zu beneiden sind. Und für die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die den schweren Fehler gemacht haben, zu viele Eier in einen Korb zu legen und nicht nur auf RWE als Steuerzahler und Arbeitgeber angewiesen zu sein, sondern auch noch die Ersparnisse dort deponiert zu haben. So bastelt man sich ein perfektes Klumpenrisiko. Branchenkrisen, die zur Neuorientierung zwingen, gibt es allerdings auch anderswo und aus anderen Gründen.

Allerdings bedeutet es im Fall der Energieriesen, dass schleunigst ernst gemacht werden sollte mit dem Vorschlag, die Rückstellungen für den Rückbau und die Endlagerung der Atomkraftwerke in die öffentliche Hand zu überführen.

Zweitens heißt es, dass sie als Feindbild nun wirklich endgültig ausgedient haben. Wer sich immer noch an den vermeintlich übermächtigen „Abzockern“ abarbeitet, ignoriert die bittere Realität in Essen und Düsseldorf.

Drittens muss die Politik sich aber auch damit abfinden, dass RWE und Eon die Energiezukunft kaum mitgestalten werden. Weder als große Finanziers, noch als Innovatoren. Sie ziehen sich in ihren Kokon zurück, der aus reguliertem Geschäft besteht, sparen, wo es geht, und hoffen auf glückliche Entwicklungen, auf das Licht am Ende des Tunnels, sei es durch ein Wunder an der Strompreisfront, einen Zufallstreffer im Ausland oder unerwartete Geschenke.

Als Partner, mit dem sich Politik machen lässt, fehlt ihnen jedoch längst etwas entscheidendes: Kraft. Die Energieriesen sind immer noch groß, aber sie können sich kaum noch auf den Beinen halten.

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4 comments for “Riesen ohne Energie

  1. 18. Juni 2014 at 15:18

    Sehr lesenswert. Danke.
    Der Gedanke, „…die Rückstellungen für den Rückbau und die Endlagerung der Atomkraftwerke in die öffentliche Hand zu überführen“, ist meines Erachtens aber konsequent nicht zu Ende gedacht. Die „Überführung in die öffentliche Hand“ bedeutet, dass die öffentliche Hand dann die Verantwortung für die Dinge alleine trägt, die mit dem Geld zu geschehen haben. (Es wäre mal wieder ein Sondergesetz fällig, das auf vier Rechtssubjekte abzielt.)
    Hat die öffentliche Hand das nötige Know-how, um diese Verantwortung zu tragen? Was passiert, wenn die Rechtssubjekte selbst entweder nicht mehr so handlungsfähig sind, wie es für den Rückbau nötig ist oder gar schlimmstenfalls nicht mehr vorhanden sind?
    Da ist noch reichlich Stoff für Debatten.

  2. Willi Stock
    19. Juni 2014 at 09:00

    „Die erneuerbaren Energien, die zu Beginn durch Subventionen für umweltfreundlichen Strom gestützt werden, sind die disruptive Technologie“

    Bisher liefern Wind und Sonne für 17 Mrd € Subvention 12,4 % der deutschen Stromerzeugung und nur 2% der Primärenergieerzeugung.

    Ohne Subvention wird das Geschäft mit Wind und Sonne nicht funktionieren, EE benötigen den regulierten Markt, in dem die konventionellen Kraftwerke die Pflicht zur Versorgung haben, die Netzbetreiber aber verpflichtet sind, EE-Strom zu jeder Zeit abzunehmen, oder zu bei Nichtabnahme trotzdem zu vergüten.
    Das ist etwas grundlegend anderes als freier Markt, in dem disruptive Techologien Althergebrachtes aufgrund von Vorteilen gegenüber dem alten Produkt verdrängen.
    Die Erneuerbaren benötigen wegen der aus ökonomischen und physikalischen Gründen fehlenden Speichermöglichkeiten, der fehlenden Netze und aufgrund ihrer Unplanbarkeit (Stichwort gesicherte Leistung) auch in 40 Jahren immer noch einen Backup von 60, 70 GW konventioneller Kraftwerkstechnik. Wer betreibt den denn?

    Wenn der erste große Energieerzeuger in diesem politisch gewollten Subventionschaos die Flügel streicht, bleibt dem Staat nichts anderes übrig, als dessen Kraftwerke weiter zu betreiben, da in windstillen Nächten kaum Strom von den EE kommt. Dabei sollte insbesondere Deutschland gelernt haben, dass Planwirtschaft nicht funktioniert.

    • Die wahre Energiewende
      23. Juni 2014 at 17:42

      Zu jedem Blog gibt es nun den entsprechenden Kommentar von Braunkohlefreund Willy Stock. Insbesondere bei der Primärenergiebereitstellung verwendet er dabei Taschenspielertricks. Er prahlt mit dem hohen Primärenergie-Einsatz von Kohle und Atom, während die erneuerbaren Energien nur marginale Anteile liefern. Dabei sollte jeder der hier im Energie-Blog liest wissen, dass bei Kohle und Atom der größte Anteil der eingesetzten Primärenergie ja verschleudert wird und nur ein kleiner Teil in elektrische Energie umgewandelt wird. Bei den erneuerbaren Energien fließt nur die erzeugte elektrische Energie zu 100% in den Primärenergieverbrauch ein.
      Nebenbei: Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostrom-Erzeugung betrug 2013 24,1%
      Außerdem kennt er heute schon den Bedarf an konventioneller Kraftwerkstechnik iin 40 Jahren…

  3. zapsib2001@mail.ru
    21. Juni 2014 at 20:05

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