Die neue Energiewelt: Deutscher Solarstrom für vier bis fünf Cent

Solarstrom verliert in einem freien Markt zunehmend an Wert, je mehr Anlagen installiert sind. Doch was passiert, wenn der Preisverfall der Photovoltail-Anlagen noch sehr viel schneller vonstatten geht als der Wertverlust? Vor einigen Jahren wurde innerhalb der Industrie zum Teil angenommen, dass der Preisverfall sich stark verlangsamt oder sogar zeitweise ganz zum erliegen kommt. Auch die Pläne für eine europäische Mega-Fabrik xGWp basieren auf der Annahme, dass der Preisverfall nicht ungebremst weitergeht. Doch das könnte sich als Trugschluss erweisen.

Der Siliziumhersteller Wacker Chemie jedenfalls rechnet mit weiteren, enormen Preisrückgängen. Wie Ewald Schindlbeck, der Chef der Siliziumsparte, mir für BIZZ energy today sagte, wird sich der Preis bis spätestens 2023, möglicherweise auch schon 2020, noch einmal mehr als halbieren. Dann sollen Solaranlagen inklusive aller Systemkomponenten nur noch 50 Cent pro Watt Leistung kosten statt heutzutage 1 bis 1,20 Euro. „Selbst in Deutschland sind damit Gesamtproduktionskosten in einer Größenordnung von vier bis fünf Cent möglich“, sagte Schindlbeck weiter. Wacker schränkt ein, dass viel von den Handelssanktionen gegen Chinas Solarindustrie abhänge. Und: Darin sind natürlich nicht Systemkosten im weiteren Sinne enthalten, also zum Beispiel die Aufrüstung von Verteilnetzen oder die Kosten von Backup-Kapazitäten.

Wacker hat in der Vergangenheit die Preisentwicklung deutlich präzisier vorhergesagt als andere Marktteilnehmer. Deshalb noch einmal: Vier bis fünf Cent! In Deutschland! Die individuelle Rechnung für Solarstromnutzer sähe dann bestechend aus bei Vertriebspreisen von um die 30 Cent pro Kilowattstunde für Privatkunden. Selbst wenn man nur ein Drittel des Solarstroms selbst nutzt und den Rest „wegwirft“, weil Batterien weiter teuer bleiben (was nicht zu erwarten ist), heißt das, der eigenerzeugte und -genutzte Strom ist für 15 Cent zu haben. Und selbst, wenn man weiter annimmt, dass kleine Solaranlagen überproportional viel kosten, ist jede Menge Luft in der Kalkulation. Die Berechnungsgrundlage für die vier bis fünf Cent sind schließlich die LCOE (Levelised Costs of Electricity), die zum Beispiel die Kapitalkosten schon enthalten.

Die enorme Dynamik ist nur schwer zu überschätzen. Der einzelne Investor schert sich schließlich nicht um die Volkswirtschaft, sondern entscheidet anhand seiner eigenen „Betriebsoptimierung“. Zusätzlich befeuert werden könnte die private Nutzung von Solarstrom durch smarte Innovationen, beispielsweise die Möglichkeit, gemeinsam mit den Nachbarn eine Anlage zu nutzen und so den Eigenverbrauchsanteil auch ohne Speicher nach oben zu treiben. Zweitens lohnt der Blick über den Tellerrand: In vielen Regionen der Welt ist Solarstrom schon jetzt eine attraktive Alternative, „natürliche“ Märkte, die ohne Subventionen auskommen, erblühen im Sonnengürtel des Planeten.

Doch zurück zu Deutschland: Für die angestammten Erzeuger, so sie denn keinen Fuß in den neuen Markt bekommen, wäre dieser Preisverfall ein Albtraum. Vor allem aber stellen sich regulatorisch äußerst unangenehme Fragen, die enorme Verteilungseffekte haben werden: Was tun, wenn der Rest der Stromverbraucher auf dem Großteil der Kosten für das Backup-System sitzen bleibt, obwohl auch die Solar-Eigenerzeuger im Winter darauf zugreifen? Eine Netzentgeltreform scheint unvermeidlich, aber das würde das Problem der systemischen „Trittbrettfahrer“ nur abmildern, nicht lösen.

Radikale Maßnahmen scheinen denkbar, wenn die Kostenrevolution ihren Lauf nimmt. Letzlich wird die zentrale Stromversorgung zu einem fixkostengetriebenen Absicherungssystem, das immer weniger Strom liefert und dessen Bezugskreis sich verkleinert. Denn es wird vermutlich auch Personenkreise oder gar Gemeinden geben, die sich mit einer Batterie und einer lokalen Ergänzung für den Winter (zum Beispiel gemeinschaftlich betriebene BHKW) komplett eigenständig machen. Aber: Auch ein Bewohner einer energieautarken Gemeinde will unterwegs nicht im Aufzug festsitzen, weil gerade ein Wechselrichter durchgebrannt ist. Und schon jetzt ist klar: Die Industrie wird sich trotz billigen Solarstroms nicht so einfach wie die kleinen Verbraucher aus dem Stromverbund verabschieden können. Es geht also langfristig auch um Arbeitsplätze. Warum zum Beispiel sollte das System dann nicht stärker über einen Steueranteil finanziert werden? Das entspräche dann seinem Charakter als allgemeine Daseinsvorsorge.

Ob das eine gute oder nur eine Schnapps-Idee ist, lasse ich mal außen vor. Aber wenn die Wacker-Prognose von vier bis fünf Cent Erzeugungskosten eintritt, dann wird man den Strommarkt und seine Finanzierung fundamental neu denken müssen – auch in Deutschland.

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5 comments for “Die neue Energiewelt: Deutscher Solarstrom für vier bis fünf Cent

  1. Joachim
    16. März 2015 at 15:00

    Mit den Nachbarn tu ich mich bestimmt nicht zusammen, das führt nur zu Streitigkeiten.
    Doch bei Preisen unter 10 Ct/kwh verkauf ich Solarstrom nicht mehr sondern verwende es um einen Stromboiler damit aufzuheizen. Bei guten Tageserträgen im Winter und der Übergangszeit kann man das dann auch zum Heizen nehmen. Evtl kann man sich gar mehr PV installieren um in der kalten Jahreszeit noch mehr des Strom- und Heizungsbedarfs zu decken. Damit könnte auch eine Elektroheizung wieder attraktiver werden, sowieso wenn das Haus gut gedämmt ist.
    Desgleichen werden irgendwann alte PV-Anlagen tun wenn sie nach 20 Jahren aus der Förderung fallen.

  2. Raim
    31. März 2015 at 12:08

    Ich vermute der Fehlerteufel hat sich eingeschlichen:

    „Dann sollen Solaranlagen inklusive aller Systemkomponenten nur noch 50 Cent pro Kilowatt Leistung kosten…“.

    Ich denke hier war Wp und nicht kWp gemeint!? Oder der Betrag müsste auf 500 €/kWp geändert werden.

    Grüße

    • schlandt
      1. April 2015 at 12:04

      Vielen Dank, Raim, das ist natürlich ein Fehler, den ich nun korrigiert habe. Beste Grüße, Jakob Schlandt

  3. Manfred Millmann Agenda 21 Initiative
    10. Mai 2015 at 10:44

    Es scheint sinnvoll, zusätzlichen PV Strom zu erzeugen, mit dem via Infrarotstrahlung gesunde Wärme zur Verfügung stehen sollte.

  4. Bernd
    27. September 2015 at 08:40

    Ich kann hier einige Kommentare nur bestätigen,in der Zeit der grossen Solarfabrikinsolvenzen gab es Module so ab 200 E das Kwp(ist zwar heut noch nicht die Regel),dienen zu 80% jetzt zum Heizen,im Sommer muss zwar viel Strom „weggeworfen“ werden (trotz ca 100Kwh Batteriespeicher)aber wenn von April bis Oktober kein Stück Holz in den Holzvergaser wandert,ein tolles Ergebnis,finanziell und arbeitsmäßig.Ich hätte keine Probleme jetzt schon diesen Strom für 3-5cent/Kwh abzugeben.Grüsse

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