Der Netzausbau: Zu retten nur mit Rechentricks und Braunkohle?

Die Übertragungsnetzbetreiber haben den Netzentwicklungsplan (NEP) veröffentlicht. Es ist die zweite Fassung des NEP 2014, ein weiterer Teil der jährlich neu zu erstellenden Abschätzungen über den Bedarf an neuen Stromnetzen in zehn Jahren. Die Aufregung ist groß, es gibt Exklusivmeldungen zuhauf. Nichts gegen Wasserstandsmeldungen, aber der neue Netzentwicklungsplan ist bestenfall „work in progress“, und eigentlich sogar ein Fall für die Ablage P. Dennoch ist das Dokument aus einem anderen Grund spannend. Eine bisher nicht beachtete Berechnung zeigt: Nur grundlegende Änderungen bei den Annahmen erlauben es offenbar, am geplanten Netzausbau trotz sinkender Energiewendegeschwindigkeit festzuhalten.

Den Hintergrund habe ich hier im Phasenprüfer schon einmal deutlich gemacht: Die Annahmen über die Menge zusätzlicher erneuerbarer Energien wurden im August 2013 getroffen, also vor der Einigung auf die Grünstrom-Ziele der großen Koalition und vor der Verabschiedung des neuen EEG. Sie sind mithin deutlich zu hoch, denn die Bundesregierung strebt jetzt nur noch 40 bis 45 Prozent Grünstromanteil bis 2025 an.  Für die bisherige Netzplanung wurde dagegen von einem Grünstromanteil von 45 bis 50 Prozent (je nach Zählweise) ausgegangen, und zwar schon im Jahr 2022.

Die Übertragungsnetzbetreiber wissen natürlich um dieses Problem. Sie sind schon im Frühjahr bei der ersten Fassung Netzentwicklungsplans darauf eingegangen. Auf Seite 104 erklärten sie im Grunde den Plan sogar selbst für hinfällig: „(Die Übertragungsnetzbetreiber) empfehlen, über die Maßnahmen des Bundesbedarfsplans (von 2013, Anm. d. A.) und die im NEP 2013 bestätigten Maßnahmen hinaus lediglich die Bestätigung von drei Projekten, die in direktem Zusammenhang mit essenziellen, bereits bestätigten Maßnahmen stehen. Weitere Maßnahmen, die in den Netzanalysen ermittelt wurden, sind in einem späteren NEP 2015, der auf neuen Szenarien aufbaut, dann auf ihre ökonomische, ökologische und netzstabilisierende Wirksamkeit hin zu überprüfen und zu priorisieren.“ Und in der neuen Fassung heißt es auf Seite 10: „Dieser Szenariorahmen (von 2013, Anm. d. A.) kann die nach der mittlerweile erfolgten Novellierung des EEG wahrscheinliche Entwicklung der Erzeugungslandschaft in Deutschland natürlich noch nicht vollumfänglich abbilden.“ Auf gut Deutsch: Der Netzentwicklungsplan 2014 taugt nicht für politische Entscheidungen.

Für die nun zweite Veröffentlichung des NEP 2014 greifen die ÜNB deshalb zu einem Rechentrick, um zumindest eine Annäherung an die neuen Realitäten zu erreichen: Sie haben zwar, weil eine eigenmächtige Änderung nicht erlaubt ist, weiterhin die hinfälligen Ausbauszenarien verwendet, aber die regionale Verteilung geändert, und zwar nach den Maßgaben, die für den NEP 2015, also den kommenden, gelten. Eine Erklärung findet sich hier.

An den grundsätzlich inzwischen überholten Annahmen für den NEP 2014 ändert das natürlich nichts. So geht der NEP 2014 auch in seiner neuesten Fassung zum Beispiel von knapp 13 Gigawatt installierter Offshore-Kapazität im Jahr 2024 aus. Von der Bundesregierung sind derzeit aber nur 6,5 Gigawatt bis 2020 und 15 Gigawatt bis 2030 vorgesehen, was bei einem linearen Ausbau lediglich knapp zehn Gigawatt Offshore-Leistung im Jahr 2024 entsprechen würde. Auch bei Wind Onshore sind Korrekturen im erheblichen Umfang nötig.

Soweit, so erwartbar für alle, denen das „Nachhinken“ des Netzplanungsprozesses bekannt ist. Doch dann gibt es doch noch einen sehr spannenden Aspekt: Die ÜNB haben nämlich noch eine weitere Rechnung angestellt, sie findet sich als „Exkurs“ auf Seite 8 des Hauptdokuments. Dort wird eine völlig neue Berechnung, das Szenario O 2025, vorgestellt, dem die politische Gegenwart bei den erneuerbaren Energien zugrundeliegt. Das Fazit: Es ergäben sich „bestenfalls regional begrenzte Außwirkungen auf die Maßnahmen des Bundesbedarfsplangesetzes“, heißt es. Dass von „regional“ ganz entscheidende Dinge abhängen können, zum Beispiel, wo eine neue Höchstspannungs-Gleichstrom-Leitung endet, ist die eine Sache (die Medien haben sich ja überschlagen mit der Meldung, dass der obsolete NEP 2014 eine Verlängerung der östlichen HGÜ-Leitung nach Magdeburg vorsieht).

Die andere Sache ist die, dass es auffällige Änderungen an den Annahmen gibt, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Zum einen wird mit einer deutlich stärkeren Produktion von Wind Onshore gerechnet, die ich mir nicht recht erklären kann. Die eigentliche Überraschung ist aber die Annahme bei der Braunkohle, die höchst umständlich formuliert ist: „Ein weiterer Unterschied zwischen der Orientierungsrechnung und dem Szenario B 2024 ist im Bereich der konventionellen Kraftwerke eine um 4,2 GW weniger stark reduzierte Leistung von Braunkohlekraftwerken bei entsprechend geringerem Zubau der anderen Kraftwerkskapazitäten, basierend auf den derzeitigen Marktannahmen für die einzelnen Brennstoffe und den CO2-Ausstoß.“

Wieder muss man auf Deutsch übersetzen: Die Übertragungsnetzbetreiber gehen in einer Rechnung, die den Netzentwicklungsplan 2015 teils vorwegnimmt, davon aus, dass satte 4,2 (!) Gigawatt Braunkohlekapazität zusätzlich am Netz sind im Jahr 2024. Das sind vier sehr große Kraftwerke, oder ein Großteil von Vattenfalls Kraftwerksflotte in Ostdeutschland. Zwar wird auch davon ausgegangen, dass ungefähr entsprechend weniger andere, neue fossile Kraftwerke gibt. Aber da Gas- und Kohlekraftwerke weniger laufen, dürfte es um geringere Strommengen (auch in Netzbelastungsphasen) gehen. Eine detaillierte Aufschlüsselung gibt es nicht. Wäre es tatsächlich so, dass nur mehr Braunkohle den geplanten Netzausbau retten kann, wäre die politische Sprengkraft natürlich gigantisch.

Ich fasse zusammen: Erstens ist die Beschäftigung mit den Details des Netzentwicklungsplans 2014 (zum Beispiel Verlängerung der HGÜ-Trasse nach Magdeburg) für die Katz. Allerorten ist die Rede davon, der Nord-Süd-Netzausbau werde in die Windgebiete des Nordens verlängert – eine klassische Phantomdebatte, auf die die Medien hereingefallen sind. Denn der NEP 2014 basiert auf völlig überholten Annahmen.

Zweitens wird es für die ÜNG offenbar doch sehr schwierig, ihre derzeitige Netzplanung aufrechtzuerhalten, wenn nicht einige Annahmen geändert werden. Mal eben 4,2 Gigawatt Braunkohle in die Netzrechnung zu nehmen, dürfte erheblichen politischen Widerstand nach sich ziehen und wäre eine zusätzliche Hürde bei der politischen Vermittelbarkeit des Netzausbaus. Hinzu kommen die neuen Berechnungen der „Regionalisierung“ bei den erneuerbaren Energien. Ich bin kein Fachmann und kann deshalb die Plausibilität der Annahmen nicht nachvollziehen. Allerdings ist es natürlich auffällig, wenn die Neuberechnung zu einem Zeitpunkt kommt, an dem der Netzbedarf insgesamt in Frage gestellt werden kann.

Drittens kommen auf das Netz in Zukunft potenziell noch weitere entlastende Maßnahmen hinzu, die die Argumentation pro Netzausbau weiter schwächen könnten. So plant die Bundesregierung im Grünbuch zum Strommarkt, dass routinemäßig Grünstromanlagen um drei Prozent der Jahresleistung gekappt werden können. Das klingt nach wenig, da das Netz aber auf die wenigen Situationen maximaler Belastung ausgebaut wird, würde das erhebliche Entlastung bringen. Das ist ebenfalls – natürlich – noch nicht berücksichtigt.

Man darf natürlich der Meinung sein, dass der Netzausbau generell eine gute und kostengünstige Sache ist im Vergleich etwa zum Bau von Speichern, und es nicht so schlimm ist, wenn eher zuviele neue Netze als zuwenige entstehen. Ich selbst neige zu dieser Annahme. Mit dieser Meinung steht man allerdings in der bayerischen Staatskanzlei und in der Nähe der geplanten Trassen, um nur einige Orte zu nennen, ziemlich allein da. Der Netzentwicklungsplan 2015 wird im Gegensatz zu den Schein-Nachrichten aus dem NEP 2014 jedenfalls wirklich spannend.

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1 comment for “Der Netzausbau: Zu retten nur mit Rechentricks und Braunkohle?

  1. Holger Schneidewindt
    5. November 2014 at 11:24

    Lieber Herr Schlandt,

    ich stimme Ihnen zu und will Ihre letzten Gedanken nochmal kurz aufnehmen und ergänzen. Sie weisen zurecht darauf hin, dass der NEP 2014 z.B. nicht den Plan aus dem Grünbuch ausreichend berücksichtigt, bei der Netz(ausbau)planung eine „Spitzenkappung“ in Höhe von 3 % der Jahresenergiemenge zuzulassen. Dieser Vorschlag kommt ja von den Autoren der Studie „Moderne Verteilernetze“ im Auftrag des BMWi und wird von dem Ministerium wohl auch sehr ernst genommen. Durch die „Spitzenkappung“ soll der Netzausbaubedarf um satte 40 % reduziert werden können.

    Auch der zweite wichtige Vorschlag aus der Studie wird vom NEP 2014 nicht berücksichtigt. Denn die Autoren schlagen den flächendeckenden Einsatz von regelbaren Ortsnetztransformatoren (rONT) vor. Mit dem vorgeschlagenen Gesamtonzept „Prioritäres Einspeisemanagement mit ergänzendem Einsatz von rONT“ sollen dann sogar 60 % des notwendigen Leitungszubaus bis 2032 eingespart werden können. Der Ausbau der Niederspannungsnetze soll sogar fast vollständig vermieden werden können.

    Unabhängig davon, wie akkurat diese Annahme sind, wird doch klar: Der NEP 2014 berücksichtigt mehrere wesentliche Annahmen nicht. Auf dieser Grundlage können dann auch keine Entscheidungen – insbesondere kein Bundesbedarfsplan(gesetz) – getroffen werden. Erst muss klar und verstanden worden sein, welche Räder zu dem Uhrwerk gehören. Das Zeitfenster dafür ist meines Erachtens ausreichend groß.

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