Mieterstrom und Lokalstrom per Blockchain – Drei Fliegen mit einer Klappe!

Deutschland kann mit mutiger und innovativer Regulierung wieder Pionier der Energiewende sein

Mieter an den positiven Preisentwicklungen der Energiewende teilhaben lassen und dabei die „Mega“-Technologie Blockchain etablieren – dem BMWi, der Bundesregierung und den Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD bietet sich mit dem angekündigten Mieterstrom-Gesetz die Möglichkeit, wieder Pioniere bei der Umsetzung der Energiewende zu werden und dem bisher blass gebliebenen Politikziel „Digitalisierung der Energiewende“ schärfere Konturen zu verleihen.

Die politischen Entscheider sollten diese Chance nicht verstreichen, sondern der Ankündigung, ein Mieterstromgesetz noch vor der Sommerpause zu verabschieden, Taten folgen lassen und Innovationskraft beweisen, indem die Blockchain-Technologie mitgedacht wird. Dabei sollten sie ihren Blick noch weiter öffnen: von Mieterstrom auf „Lokalstrom“ und von einer rein finanziellen punktuellen „Direktförderung“ auf die Anpassung des regulatorische Rahmens an Mieter- und Lokalstrom!

Lokaler Handel von Mikrostrommengen zu Mikropreisen? Blockchain!

Kleinstmengen an Grünstrom werden zu Minipreisen in Echtzeit unter Gewährleistung der Versorgungssicherheit direkt zwischen Vermieter und Mieter bzw. unter Nachbarn gehandelt, ausgetauscht und bezahlt – voll automatisiert mittels Smart Contracts über eine Blockchain. Dieses Szenario wird in der rasant zunehmenden Zahl an Konferenzen und Studien zum Thema „Blockchain im Energiesektor“ stets gezeichnet. Und tatsächlich bietet sich die Blockchain-Technologie zur Umsetzung von Mieter- und Lokalstrommodellen besonders an. Denn sie steht für die digitalisierte dezentrale Durchführung und Abrechnung von Transaktionen direkt zwischen einem Anbieter und einem Nachfrager („Peer-to-Peer“).

Smart Meter-Gesetz schafft technische Voraussetzung

Mit dem „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“, durch das jeder noch so kleine Stromverbraucher und Stromerzeuger zukünftig mit Smart Metern „zwangsbeglückt“ wird, hat der Gesetzgeber bereits die Grundlage für Blockchain-basierte Mieter- und Lokalstrommodelle geschaffen: digitale Messung, Abrechnung und Übertragung der eigenen Stromproduktion bzw. des eigenen Stromverbrauchs in Echtzeit. Allerdings stellt sich die Frage, ob die vom Gesetzgeber vorgegebenen Smart Meter – insbesondere die sogenannten Messsysteme als High Tech-Version – überhaupt Mieterstrom-kompatibel sind.

Anpassung des regulatorischen Rahmens statt nur finanzielle Direktförderung

Die Pläne zur Förderung beschränken sich aktuell auf Mieterstrom und auf eine „direkte Förderung“ in Form eines „zielgenauen Mieterstromzuschlags“. Das reicht nicht! Zum einen sollte auch „Lokalstrom“ mitgedacht werden, also die Stromlieferung zwischen Nachbarn. Zum anderen würde der Kreis der potentiellen Mieterstromanbieter auf „große Player“ wie Wohnungsbaugesellschaften, Versorger oder Dienstleister reduziert. Denn nur sie könnten unter einem unverändert bleibenden regulatorischen Rahmen Mieterstrommodelle anbieten. Auch wenn letztere sicherlich wichtige Player sind, sollte das Mieterstromgesetz aber auch kleinen Prosumern Mieterstrommodelle ermöglichen, z.B. dem Vermieter eines EFH, ZFH oder MFH. Andernfalls würde Mieterstrom kein energiedemokratisches Instrument. Mit der Ablehnung der aktuellen Verordnungsermächtigung hat sich der Gesetzgeber genug Zeit eingeräumt und mit der Prognos-Studie auch genug Substanz und Sachverstand eingekauft, um mit einem Mieter- und Lokalstromgesetz einen „großen Wurf“ zu landen.

Mieterstrom und Blockchain sitzen regulatorisch im selben Boot

Bei Mieterstrom-Modellen verkauft ein Vermieter seinen Grünstrom an einen anderen Haushalt. Die Blockchain-Technologie ermöglicht solch einen Direkthandel ohne Intermediäre technisch. Für beide sind daher dieselben regulatorischen Anpassungen notwendig bzw. für beide bieten sich dieselben Fördermöglichkeiten. Dazu gehören u.a.:

  • Entbürokratisierung des Geschäftsmodells

Mieter- und Lokalstrommodelle sowie P2P-Handel stehen und fallen mit einer Entbürokratisierung, insbesondere der Rolle der Verkäufer. Ohne die Anpassung des regulatorischen Rahmens wird es kaum ein Pilotprojekt ins echte Leben schaffen. Denn Prosumer treffen zum einen die Pflichten aus dem EnWG, das noch für die „alte Energiewelt“ mit großen zentralen Erzeugungskapazitäten und mehrstufigem Energielieferungs- und Transaktionssystems geschrieben ist, mit voller Wucht. Die daraus resultierenden Anforderungen an Verträge, Rechnungen und Werbematerial sind nur mithilfe spezialisierter Dienstleister zu erfüllen. Die dafür anfallenden Kosten zerstören jede Wirtschaftlichkeit. Prosumer müssen daher von den „antiquierten“ unverhältnismäßigen EnWG-Pflichten für Lieferanten so weit wie möglich befreit werden. Gleiches gilt grundsätzlich für die Melde- und Transparenzpflichten nach dem EEG. Auch deren Bandbreite der unterschiedlichen Meldungsinhalte und –empfänger erhöht den administrativen Aufwand ebenfalls erheblich.

Gespannt sein darf man in diesem Zusammenhang auf die Vorschläge der EU-Kommission im Rahmen der Pläne für eine Energieunion. Im prosumerfreundlichen „Winterpaket“ kündigt sie einen Rechtsrahmen an, der Nachbarschaftsstrom ermöglichen soll.

  • Bilanzkreisverantwortlichkeit

Auch die Anpassung bzw. Neuregelung weiterer Marktrollen ist unerlässlich. Dies gilt in erster Linie für die Bilanzkreisverantwortlichkeit. Denn eigentlich stellt jeder Anlagenbetreiber mit seinen Kunden einen eigenen Bilanzkreis dar. Das Bilanzkreismanagement würde Prosumer aber regelmäßig überfordern. Insofern müssten andere Bilanzkreise überlegt werden, z.B. das Ortsnetz.

  • Innovative Messkonzepte und Abrechnungssysteme

Die messtechnische Umsetzung ist eine der größten Herausforderungen für Mieterstrommodelle – und Blockchain-basierten P2P-Handel. Deswegen zielt die Förderung einzelner Bundesländer wie NRW richtigerweise auch darauf ab, „Zähler- und Abrechnungssystemen zu installieren und zu erproben“. Gefördert wird  daher „die Umrüstung des Zählerkonzeptes und datenbankbasierte Abrechnungssysteme“. Die Blockchain-Technologie ist ein solches innovatives, dezentrales Verfahren der Datenspeicherung und –validierung zur Durchführung und Abrechnung von Transaktionen. Die angekündigte Bundesförderung könnte/sollte diesen Förderansatz daher übernehmen und ausdrücklich um Blockchain-Konzepte erweitern. Entscheidend ist auch, dass die Netzbetreiber mitspielen und die neuen Messkonzepte und Abrechnungssysteme akzeptieren. Eine Art „Experimentierklausel“ im EnWG/EEG könnte allen Beteiligten den notwendigen Spielraum geben.

  • Netzentgelt- und Umlagesystem, Strom- und Ertragssteuer

Von entscheidender Bedeutung für die Wirtschaftlichkeit von Mieter- und Lokalstrom-Modellen sowie P2P-Handel von Grünstrom ist auch das Netzentgelt- und Umlagesystem sowie der steuerrechtliche Rahmen. Insofern sind reduzierte Netzentgelte, Konzessionsabgaben und Umlagen sowie Stromsteuerbegünstigungen natürlich wirkungsvolle Hebel. Bei kleinen Mieterstrom-Modellen wäre auch eine Einordnung als „Eigenverbrauch“ möglich. Dabei könnte die 10 kW-Bagatellgrenze in § 61 EEG Bezug beibehalten werden Bei größeren Liegenschaften kommt dies aber nicht in Betracht.

Dynamisierte Netznutzungsentgelte nach Netzstufen erscheinen in diesem Zusammenhang besonders interessant. Denn sie schaffen Preisanreize, lokale Erzeugung auch lokal zu verbrauchen. Die Blockchain bietet auch hier mittelfristig die technische Möglichkeit für ein verursachergerechtes Abrechnungssystem dynamisierter Netzentgelte.

Mutige, innovative und visionäre Regulierung

Klar ist, dass Blockchain-basierte Geschäftsmodelle wie Mieter- und Lokalstrom unter den aktuellen Rahmenbedingungen noch Zukunftsmusik sind. Aber Unternehmen wie LO3 in den USA und Power Ledger in Australien zeigen eben auch, dass diese Modelle deutlich näher an der Marktreife sind als viele denken und letztlich stark von der Anpassung des regulatorischen Rahmens abhängen. Und auch diese notwendige Anpassung des regulatorischen Rahmens wird in einigen Ländern bereits vorangetrieben. Daher sind die aktuellen Mieterstrompläne eine gute Gelegenheit für die politischen Entscheider, die Bundesnetzagentur, aber auch Netzbetreiber und Versorger, Deutschland mit mutigen, innovativen und visionären Entscheidungen wieder Pionier der Energiewende werden zu lassen.

PrintShare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.