Welche Länder bei Windkraft hinten liegen und wie der Ausbau weitergehen muss

Die Windkraft an Land ist ein Schlüssel zur erfolgreichen Energiewende, da die Technologie erprobt und die Kosten niedrig sind. Doch wie wird der Ausbau vorangetrieben und vor allem sinnvoll gesteuert? In den Koalitionsverhandlungen wird sich ein Quotenmodell zum Ausbau der erneuerbaren Energien nicht durchsetzen. Stattdessen wird es wohl eine stärkere Mengensteuerung geben, die aber innerhalb eines reformierten EEG stattfindet.

Zu recht, denn ein Quotenmodell wäre teuer wegen hoher Risikoaufschläge der Investoren, schafft neue Probleme und adressiert die bestehenden zum Teil nicht. Der Ausbau würde sich bei einem solchen Modell vor allem auf küstennahe Anlagen konzentrieren. Unberücksichtigt blieben dabei die erheblichen Investitionskosten und die Akzeptanzprobleme für die notwendigen Stromtrassen. Bundesländer im Süden und in der Mitte Deutschlands würden von der Energiewende weitgehend ausgeschlossen, obwohl diese teilweise ambitionierte Ausbauziele verfolgen.
Dafür müssen allerdings einige dieser Länder auch deutlich verstärkte Anstrengungen unternehmen, um die vorhandenen Potentiale nutzen oder vor allem die selbst gesetzten Ausbauziele zu erreichen. Die Idee einer stärkeren Mengensteuerung ist daher richtig, bei der zentral festgelegte Ziele zum Ausbau der erneuerbaren festgelegt und dann regional umgesetzt werden. Eine regionale Mengensteuerung liegt auch im Interesse der meisten Bundesländer. Um eine solche Steuerung sinnvoll angehen zu können, bedarf es zunächst einer Bestandsaufnahme.

Analyse der Lage:

Mitte Juli 2013 waren in Deutschland Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 32 Gigawatt installiert. An der Spitze liegen die Bundesländer Niedersachsen mit 7,5 Gigawatt und Brandenburg (4,9 GW) vor Sachsen-Anhalt sowie Schleswig-Holstein mit 3,9 und 3,7 GW. Abgesehen von den Stadtstaaten liegen die Länder Saarland, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern mit jeweils unter einem GW am Ende der Ausbaurangfolge. Für eine fundierte Bewertung der Entwicklung müssen allerdings weitere Kriterien herangezogen werden, die einen genaueren Vergleich zulassen.Um die Plantreue der Länder zu beurteilen, werden zunächst als Maßstab die jeweiligen Anmeldungen zum Netzentwicklungsplan 2014 herangezogen, die in einem sogenannten Szenario C zusammengefasst werden und den entscheidenden Ausgangspunkt für die Netzplanung bilden. Daher ist die Plantreue beim Ausbau der erneuerbaren Energien gleichzeitig ein wichtiger Maßstab für die Güte der Netzausbauplanung. In einem zweiten Schritt wird der Umfang der Ambitionen der Länder verglichen. Als Grundlage dient das Gutachten von Fraunhofer IWES („Potenzial der Windenergienutzung an Land“) aus dem Jahr 2011, in dem von einem Gesamtpotential von knapp 200 GW in Deutschland ausgegangen wird. Zwar liegt zwischenzeitlich eine weitere Potenzialstudie des Umweltbundesamts vor („Potenzial der Windenergie an Land“), die einen noch stärkeren Ausbau für möglich hält, doch reicht für diesen Vergleich auch die ältere Studie aus.Insgesamt haben die Länder knapp 90 GW Windkraft an Land bis 2024 im Rahmen der Netzentwicklungsplanung angemeldet. Davon sind bis Sommer 2013 rund 36 Prozent realisiert worden. Dabei weisen die Länder große Unterschiede auf, wie sich der Tabelle entnehmen lässt: Mit Sachsen (83 Prozent), Sachsen-Anhalt (71 Prozent), Brandenburg (58 Prozent) und Niedersachsen (52 Prozent) haben vier Länder schon mehr als die Hälfte der Ziele erreicht. Eine stark unterdurchschnittliche Quote von weniger als 20 Prozent erzielen das Saarland und Bayern mit je 18 Prozent, Thüringen mit 13 Prozent und Baden-Württemberg als Schlusslicht mit nur 11 Prozent. Schleswig-Holstein hat als einziges Bundesland im Netzentwicklungsplan eine höhere Zielmarke angegeben als an Potenzial in der IWES-Studie erhoben wurde. Entsprechend wurden nur 28 Prozent der Planziele erreicht.Gemessen an dem vom IWES ermittelten Potenzial liegt bei der Erschließung Sachsen-Anhalt mit 53 Prozent vor Schleswig-Holstein (41 Prozent), Brandenburg (38 Prozent) und Niedersachsen (29 Prozent) deutlich in Führung. Mit einem bislang genutztem Windkraftpotenzial von unter 10 Prozent liegen das Saarland (8 Prozent), Hessen (6 Prozent) sowie weit abgeschlagen Bayern und Baden-Württemberg (jeweils 2 Prozent) am Ende der Skala. Sachsen erreicht zwar die höchste Plantreue, gehört aber mit nur 10 Prozent erschlossenem Potenzial ebenfalls zu den am wenigsten ambitionierten Bundesländern.

Hier sind die Ergebnisse in tabellarischer Form:

Tabelle Krawinkel

Folgerungen und Handlungsempfehlung:

Bei einer Schwankungsbreite von 11 bis 83 Prozent in der Plantreue muss zunächst festgestellt werden, dass die Erstellung eines eigenen Bundeländerszenarios im Rahmen der Netzentwicklungsplanung unter heutigen Bedingungen keine belastbare Aussagekraft für den künftigen Netzausbau hat und damit das bisherige Szenario C künftig verzichtbar ist. Stattdessen sollten in Zukunft Szenarien erstellt werden, die umgekehrt die Voraussetzungen für einen abgestimmten Netzausbau durch eine belastbare Verteilung der Erzeugungskapazitäten zum Beispiel in einer stärker dezentralen und einer stärker zentralen Variante beschreiben.

Die mangelhafte Plantreue sowie die ebenfalls erheblichen Unterschiede bei der Potenzialerschließung zwischen den Bundesländern unterstreichen die Notwendigkeit der Festlegung von regionalen Ausbaukorridoren. Dabei können bestimmte Länder als Benchmark genutzt werden, die sowohl ambitionierte Ziele als auch eine hohe Plantreue aufweisen. In Ostdeutschland sind dies Sachsen-Anhalt und Brandenburg, im Norden Niedersachsen und im Süden Rheinland-Pfalz. Schleswig-Holstein weist deutlich überambitionierte Ziele auf, die allerdings nur unterdurchschnittlich erfüllt werden.

Für die nördlichen und nordöstlichen Bundesländer würde sich so ein Ausbaukorridor ergeben, mit dem bis zum Jahr 2025 zwischen 50 und 75 Prozent der jeweiligen Länder-Potenziale gehoben werden. Lediglich Schleswig-Holstein müsste seine ohnehin überdimensioniert scheinenden Ziele reduzieren, während die Ziele aller anderen Länder in diesem Rahmen liegen würden. In Nordrhein-Westfalen, den süddeutschen Ländern sowie Thüringen und Sachsen würde ein Korridor von 25 bis 50 Prozent gelten. Sachsen und Bayern müssten ihre Ausbauziele deutlich anheben, während Thüringen die ebenfalls überambitioniert wirkenden Ziele vermindern könnte.

Im Durchschnitt sollten dann jährlich 10 Prozent des notwendigen Zubaus erreicht werden. Hier sind die Länder mit der geringsten Plantreue (Baden-Württemberg, Thüringen, Bayern und das Saarland) besonders gefordert, ihre Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Zur Umsetzung der so definiderten Korridore bietet sich eine regionalisierte Mengensteuerung an, welche den Bundesländern selbst die erforderlichen Mittel an die Hand gibt, um Ausschreibungen zu bewerkstelligen – analog zum regionalen Personenschienenverkehr. Erst auf der Grundlage dann endlich realistischer Ausbauziele und einer angemessenen Plantreue kann eine abgestimmte und breit akzepierte Planung für das Übertragungsnetz folgen.

Eine regionale Mengensteuerung würde also nicht nur das Erreichen der Energiewende-Ziele im entscheidenden Bereich Windkraft sichern, sondern auch die Bundesländer einbinden, in die Pflicht nehmen und die regionale Akzeptanz erhöhen. Die Erfolgschancen für eine schnelle, zielgerichtete und kostengünstige Energiewende würden in der Folge deutlich ansteigen.

Holger Krawinkel ist Fachsbereichleiter Energie der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV)

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5 comments for “Welche Länder bei Windkraft hinten liegen und wie der Ausbau weitergehen muss

  1. Richard S.
    9. November 2013 at 10:32

    Die IWES Studie geht von 3 MW Anlagen aus. Das Potential kann sich in den nächsten Jahren mit der Leistung und vor allem der Höhe des Turms noch deutlich erhöhen.

  2. 9. November 2013 at 21:39

    Was werden wir doch von der Politik hinters Licht geführt. Schon heute besteht die Möglichkeit, durch einen beschleunigten, vor allem durch einen koordinierten Ausbau bereits möglicher Techniken, statt erst im Jahre 2050 bereits im Jahre 2030 mindestens achtzig Prozent unseres Stromverbrauchs durch regenerative Energien decken zu können. Voraussetzung für diesen Entwicklungssprung ist ein unbegrenzter Ausbau regenerativer Energien. Wenn dies politisch gewollt und richtig angefasst würde, gäbe es für die durch diesen Ausbau entstehenden Netzprobleme sehr schnell auch Lösungen. Voraussetzung hierfür aber wäre, dass wir in Deutschland endlich dazu übergehen würden, nur noch die Erfolg versprechendsten Entwicklungen zu fördern und zwar zu hundert Prozent. So könnte auch das Problem der Massenspeicherung elektrischer Energie, statt in Jahrzehnten, bereits in ein bis zwei Jahren gelöst werden.

    Um 80 % oder gar 100 % der benötigten Strommengen durch regenerative Energien erzeugen und ohne Stromausfälle nutzen zu können, werden 1.000 bis maximal 1.500 mittelgroße Pumpspeicher benötigt. Mit Pumpspeichern heutiger Bauart (*) lässt sich das nicht erreichen. Wohl aber mit einer völlig neuartigen Entwicklung, einem Pumpspeicher mit schwimmendem Speicherteil (Patent-Anmeldung), der bei gleichem Speicherinhalt weit weniger als die Hälfte eines heutigen Pumpspeichers kostet und im Gegensatz zu diesem geografisch überall einsetzbar ist. Die Kosten dieser neuartigen Energiespeicher (Inhalt rund eine Million Kubikmeter Wasser) würden sich – Teuerungen eingerechnet – je nach Baubeginn auf insgesamt 35 bis maximal 50 Milliarden Euro belaufen. Beträge, die weniger als dem Dreifachen der jährlich von den Strom-Verbrauchern zu zahlenden und mit Fremdlasten überfrachteten EEG-Umlage entsprechen, die nach heutigem Stand noch über Jahrzehnte zu entrichten ist und deren Höhe weiterhin steigen wird.
    Unter Beibehaltung des von der Politik festgesetzten Ausbauziels von lediglich 50 % an regenerativer Energie für 2030 würden die Kosten weit unter 20 Milliarden Euro liegen.

    Würde der für eine Generalumstellung der Stromerzeugung auf 80 bis 100 % regenerative Energie benötigte Gesamtbetrag von maximal 50 Milliarden Euro für den Bau dieser neuartigen Pumpspeicher verwendet, hätte dies eine nachhaltige Senkung der Stromkosten, inklusive der Kosten für die EEG-Umlage zur Folge. Der für diese Umstellung nötigte Betrag könnte durch Streckung der EEG-Umlage und/oder durch Steuermittel aufgebracht werden.

    Ein weiterer, zügiger Ausbau der Wind- und Solaranlagen würde am Ende dieser Umstellung zu jährlich wiederkehrenden Kostenersparnissen in Milliardenhöhe führen. Diese Einsparungen könnten zur weiteren Entlastung der Stromverbraucher sowie zum Schuldenabbau des Staates, zur Verbesserung von Bildung und Lehre sowie zur Rentensicherung genutzt werden. Darüber hinaus ließen sich Techniken, Kenntnisse und Erfahrungen weltweit vermarkten. 

  3. Michel
    9. November 2013 at 22:51

    Geht´s noch?
    Am besten gleich die ganze Republik von Nord nach Süd zubauen und die Nordsee und Ostsee gleich mit: alle Hügel, alle Freiflächen, alles voller monströser Rotoren.
    Nirgendwo mehr unberührte Natur, super, Danke Ihr Helden der Neuzeit.
    Währendessen steigen trotzdem die CO2 Emissionen weiter an, sowohl in der BRD als auch weltweit.
    Das Klima scheert sich einen Dreck um Eure „grüne“ Energiegewinnung….

    • Richard S.
      10. November 2013 at 10:13

      Auf Ihre Meinung kann man kommen wenn man sich nicht informiert hat.

      Für 100 GW Windkraft und 300-350 TWh Windstrom genügen weniger als 30.000 moderne WKA und damit kaum mehr als heute.
      Dazu empfehle ich das Buch von Willenbacher „Mein unmoralisches Angebot“.

  4. Willi Stock
    10. November 2013 at 11:28

    Die elektrische Energie aus Windkraft betrug im Jahr 2012 ca. 50 TWh, an einem Tag fallen also durchschnittlich 137 GWh Windenergie an. Interessant, dass trotz erheblichem Zubaus an WKA die Stromerzeugung aus Windkraft 2013 im Vergleich zum Vorjahr um aktuell 6% niedriger ausgefallen ist – soviel zur verlässlichen Planbarkeit von Windkraft, die von den von Ihnen genannten Instituten und Behörden propagiert wird.
    Die Speicherkapazität aller Pumpspeicherkraftwerke in Sachsen, Bayern und im Schwarzwald beträgt 40 GWh, reicht also nur aus, um ein weniger als ein Drittel des heutigen durchschn. Tagesertrags aus Wind zu speichern. Pumpspeicher in Norwegen? Weder technisch (da gibt es viel Frost im Winter und damit Eis statt Wasser) noch politisch oder ökonomisch realisierbar.
    Als alternative zukünftige Speichermöglichkeit wird die Elektrolyse von Wasser und die Umwandlung des erzeugten Wasserstoffs zu Methan sowie dessen Verbrennung in einem Gaskraftwerk diskutiert. Hier liegen die Preise für 1 kWh zwischen 0,8 – 2,30 €/kWh (Quelle: VIK-Mitteilungen 4/12), unabhängig von großtechnischen Anlagen, die aber weder technisch noch politisch (NIMBY) umsetzbar sind. Von den Pilotanlagen bei Audi, Eon oder Greenpeace hört man nichts über Wirkungsgrade, Kosten oder bisher erzeugte Gasmengen – laufen die überhaupt?
    Wenn zwei Millionen Haushalte mit PV-Anlage jeweils Batterien mit 5 kWh Kapazität installieren, würde dies einen lokalen Speicher von 10 GWh bilden. Als weitere Möglichkeit wird die Speicherung in den Batterien zukünftiger Elektromobile diskutiert. Falls in zehn Jahren eine Million solcher Fahrzeuge existieren würde, könnte in ihren Batterien eine Energie von 20 GWh gespeichert werden. Das wären etwa zehn Prozent der an einem Tag anfallenden Wind-und Solarenergie, falls alle Elektromobile um die Mittagszeit aufgeladen würden. In Wirklichkeit werden sie nachts aufgeladen, wenn keine Sonne scheint.
    Eine Tagesleistung von 60GW über 24h zu speichern, bedürfte es 840 Gwh Kapazität, was bei tagelangen Flauten im Winter?
    Wie groß muss denn die gesamt installierte Leistung an EE sein, um neben der Versorgung des Netzes nach einer langen Flaute die Speicher wieder aufzuladen? Was, wenn die nächste Flaute schon 3 Tage später kommt?
    Da helfen weder Planzahlen der Länder und des Bundes, die diese Zusammenhänge schlicht ignorieren. Bevor hier weiter in den aus meiner Sicht unsinnigen Ausbau der Windkraft gesteckt wird, sollte eine realistische Planung von Fachleuten (nicht eine Ethikkomission, keine Lobbyvertreter wie Frau Kemfert, keine ideologiegesteuerten NGO’s oder politisch vorgespannte Behörden wie das UBA) für das physikalisch und ökonomisch machbare der Energiewende in Summe erfolgen.
    Alleine die Diskussion um die Anhebung des Zieles „Anteil der EE bis 2020“ auf 40% ohne eine belastbare Begründung der Machbarkeit ist schlichtweg Vergeudung von Mitteln, die woanders dringender gebraucht würden.

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