Grünbuch des Wirtschaftsministeriums: Systemwechsel bei Netzmanagement und -planung

Nun ist das Grünbuch also da und die Diskussion läuft heiß. Wie zu erwarten stürzen sich die Medien und Fachleute erstmal auf die ganz großen Themen wie Kapazitätsmarkt und Flexibilitätsoptionen. Wirkliche Überraschungen findet man hier aber nicht. Eine solche findet sich aber an anderer Stelle: Das BMWi kündigt nichts weniger als eine Revolution beim Netzmanagement und der Netzplanung an.

Bisher kein aktives Einspeisemanagement bei Netzplanung und Netzmanagement zulässig

Nach aktuellem Recht ist ein sogenanntes “aktives Einspeisemanagement” von Erneuerbaren Energie-Anlagen nicht möglich. Das Gesetzt erlaubt ein Einspeisemanagement bisher nur im absoluten Netz-Notfall. Einspeisemanagement darf daher auch nicht bei der Netz(ausbau)planung berücksichtigt werden. Deswegen werden die Netze zurzeit neben der zeitgleichen Jahreshöchstlast auch nach der maximalen Einspeisung von Erneuerbaren ausgelegt. Nach dem neuen Konzept soll zukünftig die Berücksichtigung einer „Spitzenkappung“ von bis zu drei Prozent der von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen erzeugbaren Jahresenergie („letzte kWh“) zur Netzplanung auf Verteiler- und Übertragungsnetzebene” zulässig sein. Wichtig dabei: Das BMWi will an einer vollständigen Kompensation aller Anlagenbetreiber für Abschaltungen festhalten. Ungeklärt und von entscheidender Bedeutung ist, welche Anlagen ab welcher Leistungsgröße zum „Mitmachen“ gezwungen werden. Denn mit der Teilnahmepflicht geht die Frage nach den Kosten einher. Anlagen müssen technisch zur Teilnahme am Einspeisemanagement ausgestattet werden. Diese Fragen wurden und werden in der aktuellen Diskussion um einen Smart Meter-Rollout heiß diskutiert, denn Smart Meter sollen/können nicht nur messen, sondern auch die Abregelung übernehmen.

Noch offen: Welche Anlagen sind vom aktiven Einspeisemanagement betroffen?

Die Verteilernetze-Studie im Auftrag des BMWi, deren Ergebnisse nun im Netz-Teil des Grünbuchs (ab S. 30) übernommen wurden, macht dazu zwar keinen abschließenden Vorschlag, aber doch wichtige Ausführungen. Die Autoren halten nämlich die anfallenden IKT-Kosten bei Anlagen mit einer Leistung kleiner <7kW für unverhältnismäßig hoch. Deswegen sollen kleinere Anlagen „nur“ dazu verpflichtet werden, die Einspeiseleistung ins Netzt auf 70% zu kappen, wie es in § 9 EEG 2014 derzeit geregelt ist. Auch differenzieren die Autoren nach Alt- und Neuanlagen. Die Nachrüstung von größeren Altanlagen soll der Netzbetreiber finanzieren, bei Neuanlagen der Anlagenbetreiber. Die Studie äußert sich auch klar zum Potential des Lastmanagements mit kleinsten Prosumer-Anlagen wie Wärmepumpen und Elektromobilen: diese sind nahezu bedeutungslos für den Netzausbau.

Ernst & Young hatte in der Kosten-Nutzen-Analyse zum Smart Meter-Rollout dagegen vorgeschlagen, trotz der erheblichen Zusatzkosten alle neuen und alten (!) PV-Anlagen (und BHKW) ab 0,25 kW (!) zu verpflichten. Die Kosten sollen von den Anlagenbetreibern getragen werden. Darüber hinaus soll auch die Kompensation für Abregelung auf 50% begrenzt werden. Von diesen Vorschlägen scheint das BMWi – glücklicherweise – die Finger zu lassen. Eine Umfrage der Verbraucherzentrale NRW hat zudem gezeigt, dass die allermeisten Verteilernetzbetreiber kleine Anlagen überhaupt nicht gebrauchen können bei der Gewährleistung der Netzsicherheit. Die Auffassung dieser entscheidenden Akteure in Sachen Netzmanagement ist offenbar noch nicht ausreichend gehört worden.

Gesamtkonzept: Prioritäres Einspeisemanagement + regelbare Ortsnetztransformatoren (rONT)

Als Gesamtkonzept schlägt die Verteilernetzestudie „prioritäres Einspeisemanagement mit unterstützendem Einsatz von regelbaren Ortsnetztransformatoren“ vor. Im Grünbuch folgt das BMWi diesen Empfehlungen. Schauplatz wichtiger Diskussionen wird diesbezüglich vor allem die Novellierung der Anreizregulierungsverordnung sein. Denn in der aktuellen Fassung finden sich weder rONT noch andere Smart Grid-Optionen ausreichend wieder. Der Novellierungsprozess ist bei der BNetzA schon in vollem Gange.

Wie bei den anderen großen Themen ist auch dieser Vorschlag sicherlich nicht der Weisheit allerletzter Schluss. Dennoch: im Vergleich zur Ernst & Young-Studie und auch der darauf aufsattelnden dena-Smart-Meter-Studie ist die Verteilernetzstudie sicherlich die mit Abstand hochwertigste und auch nachvollziehbarste. In diese Richtung wird das BMWi wohl gehen.

Verbraucher betroffen als Prosumer

Verbraucher sind von den Plänen in zweifacher Hinsicht betroffen: Zum einen als Adressat möglicher Einbaupflichten mit entsprechenden Zahlungspflichten in Form von jährlichen Entgelten. Dies betrifft insbesondere alle Betreiber kleiner PV-Anlagen, aber potentiell auch BHKW, Wärmepumpen und Elektromobile. Neben den „großen“ Themen des Grünbuchs wird die Integration von „Prosumer“-Anlagen in das Smart Grid von entscheidender Bedeutung sein. Denn sie betrifft hunderttausende Prosumer. Natürlich macht es Sinn, den Netzausbaubedarf insbesondere durch Einspeisemanagement zu reduzieren. Aber nur in den Fällen, in denen es wirklich sinnvoll ist. Hier herrscht noch erheblicher Klärungsbedarf, bevor regulatorische Tatsachen geschaffen werden können. So erscheint eine Bagatellgrenze bis mindestens 10 kWp wie beim Eigenverbrauch ratsam und wird auch von vielen Netzbetreibern gefordert. Prosumer mit unnötigen Zusatzkosten an die Kandare zu nehmen, wäre jedenfalls ein fatales Signal. Insofern ist Augenmaß gefordert!

Verbraucher betroffen als Stromverbraucher

Darüber hinaus sind alle Haushalte als Stromverbraucher betroffen, da sie alle Netzmaßnahmen wie z.B. den Einsatz von rONT über den Strompreis letztlich finanzieren müssen. In diesem Zusammenhang ist „Kriegsschauplatz“ die Novellierung der Anreizregulierungsverordnung (ARegV), die deswegen genau beobachtet werden muss. Hier geht es um richtig viel Geld. Leider erreicht die Diskussion um die ARegV einen Komplexitätsgrad, der den Kreis der Kompetenzverdächtigen sehr klein werden lässt.

Konsistentes Gesamtkonzept erforderlich

Letztlich ist ein konsistentes Gesamtkonzept erforderlich. Dafür haben die Entscheider ein ausreichend großes Zeitfenster. Als Vorbild dient die Diskussion um Kapazitätsmärkte. Es war richtig, keinen regulatorischen Schnellschuss zu machen, auf den viele Stakeholder gedrängt haben. Nach drei Jahren Diskussion hat man nun ein ausreichendes Verständnis aufgebaut, um Entscheidungen zu treffen. So muss es auch bei der Frage nach den Instrumenten zur Reduzierung des Netzausbaubedarfs sein.

Der Autor Holger Schneidewindt ist Referent für Energierecht der Verbraucherzentrale NRW

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2 comments for “Grünbuch des Wirtschaftsministeriums: Systemwechsel bei Netzmanagement und -planung

  1. Jochen
    4. November 2014 at 16:39

    Kleiner Einwand was die Spitzenkappung von PV- und Windkraftwerken betrifft: Das ist eigentlich nichts neues. Soweit ich mich jetzt erinnere ist das bei PV schon seit ein paar Jahren im EEG festgeschrieben und wurde mit der neuesten Novelle auch für Windkraft eingeführt. Auch die entsprechenden Nachrüstpflichten sind längst (an-)gelaufen.

    • schlandt
      4. November 2014 at 18:30

      Bislang geht es meines Wissens nach um Notfallmaßnahmen, die in den Abwurfprozeduren der ÜNB genau geregelt sind. So müssen erst eine Reihe anderer Optionen ausgeschöpft werden. Hier ginge es jetzt um eine Routinemäßige, in die Netzplanung einzubeziehende Abschaltung.

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