Das Grünbuch: Eine Absage an Kapazitätsmärkte?

Nachtrag 31. Oktober: Das Grünbuch ist jetzt weitgehend unverändert veröffentlicht worden.

Das Grünbuch des Energieministeriums zum Thema Kapazitätsmärkte macht in Berlin die Runde, zumindest als Entwurf (der aber schon sehr fertig aussieht). Zur eigenen Anschauung finden Sie es untenstehend zum Download. Das Dokument ist allein schon eine lohnende Lektüre, weil im Grunde die gesamte Problemlage der Versorgungssicherheit im Stromnetz ausführlich skizziert wird. Es ist allerdings auch gespickt mit Aussagen und Handlungsempfehlungen, die ich hier schnell zusammenfassen möchte:

  • Die Entscheidung über Kapazitätsmärkte – ja oder nein – ist noch nicht gefallen. Das war auch nicht zu erwarten. Jedoch ist der Duktus und die Struktur des Dokuments aufschlussreich. Der Energy-Only-Markt (also der derzeitige Stromhandelsmarkt, bei dem die Bezahlung der fossilen Kraftwerke ausschließlich über den Handel von elektrischer Arbeit erfolgt. Die Preise beruhen dabei auf der augenblicklichen Knappheit des Handelsguts Strom) und seine Vorzüge werden ausführlich diskutiert. Den entsprechenden Studien des Ministeriums, die im Sommer erschienen sind (und noch unter Schwarz-Gelb in Auftrag gegeben wurden), wird ausführlichst argumentativ Platz eingeräumt. Bei den verschiedenen Vorschlägen für Kapazitätsmärkte hingegen werden zahlreiche Bedenken vorgebracht. Die Skepsis gegenüber Kapazitätsmärkten überwiegt derzeit im Ministerium, das berichten auch verschiedenste Berliner Lobbyisten übereinstimmend.
  • Eine sehr weitreichende Reform des Energy-Only-Markts ist beschlossene Sache: Der EOM 2.0 kommt, egal ob mit oder ohne Kapazitätsmarkt. Die Bilanzkreisverantwortlichen müssen mit schärferen Sanktionen rechnen, wenn sie nicht genug Strom einkaufen, um ihre Kunden zu beliefern. Es soll eine Reform der Netzentgelte und der Strommarktrgeln geben, die der Industrie einen Anreiz gibt, ihren Maximalverbrauch zu senken und flexibler zu reagieren. Der Regelleistungsmarkt wird reformiert.
  • Die Reservekraftwerksverordnung, mittels der die Bundesnetzagentur derzeit vor jedem Winter Kraftwerke „anmietet“, im Notfall einspringen können, wird in einen formellen Reservekraftwerksmarkt umgewandelt. Diese Entscheidung ist offenbar schon gefallen. Details gibt es aber noch nicht.
  • Eine Fülle an weiteren kleinen Reformen ist ebenfalls enthalten, zum Beispiel eine engere Abstimmung und Verzahnung mit den Strommärkten der Nachbarstaaten.

Gut an dem Papier ist, dass es die zwei heiklen grundsätzlichen Fragen, die sich beim Thema Kapazitätsmarkt stellen, explizit anspricht. Erstens: „Im Kern geht es bei der Debatte um die Frage, ob ein optimierter Strommarkt erwarten lässt, dass Investitionen in die selten genutzten, aber dennoch erforderlichen Kapazitäten getätigt werden.“ Völlig richtig, es geht darum, inwieweit man an die „perfect foresight“ von Märkten und deren Akteuren glaubt. Wer dem EOM 2.0 vertraut, der vertraut darauf, dass Investoren sehr wohl in Betracht ziehen, dass es beispielsweise in fünf Jahren eine Strompreisspitze mit extrem hohen Preisen geben wird und dementsprechend in ein Gaskraftwerk investieren. Das mag jeder selbst werten, aber was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass bislang Investitionen im deutschen Stromsektor nicht auf dieser Betrachtung von Extremereignissen beruhen, sondern auf langfristigen, durchschnittlichen Auslastungen der Kraftwerke. Auch das Martkmachtproblem wird in dem Papier kurz adressiert: Solche Knappheitsphasen geben jenen, die über große Kapazitäten verfügen, theoretisch die Möglichkeit, durch weitere Verknappung extrem viel Geld zu verdienen.

Zweitens, und das kommt in dem weitgehend technischen Papier des Ministeriums nur kurz vor, stellt sich die Frage, ob der EOM 2.0 dauerhaft politisch akzeptabel ist in Deutschland, das höchstens ordoliberal, aber keinesfalls marktradikal orientiert ist. „Wenn Gesellschaft und Politik zu einer derartigen Weiterentwicklung des Strommarktes mit Knappheitspreisen nicht bereit sind, bedarf es eines Kapazitätsmarkts“, heißt es knapp im Grünbuch. Sind sie bereit? Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Bild-Schlagzeilen und die hektische politische Aktivität vorzustellen, wenn die Strompreise mal kurz auf 20.000 Euro pro Megawattstunde schnellen, einige unterdeckte Stadtwerke pleite gehen und gleichzeitig die Energieriesen, egal ob nur zufällig oder gar „zufällig“, besonders viele Kraftwerke in Revision haben. Oder wenn ganze Industriegebiete abgeschaltet werden und die Arbeiter nach Hause müssen.

Der Entwurf zum Grünbuch lässt diese Fragen zwar außen vor. Dennoch ist es eine hochspannende Lektüre. Hier ist er zum Download bereitgestellt: Grünbuch

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1 comment for “Das Grünbuch: Eine Absage an Kapazitätsmärkte?

  1. Holger Schneidewindt
    29. Oktober 2014 at 18:07

    Auch im Grünbuch enthalten, in den ersten Reaktionen aber kaum aufgetaucht: Das BMWi kündigt eine Revolution beim Netzmanagement und der Netzplanung an.
    Denn nach aktuellem Recht ist ein sog. „aktives Einspeisemanagement“ von Erneuerbaren Energie-Anlagen nicht möglich. Das Gesetzt erlaubt ein Einspeisemanagement bisher nur im absoluten Netz-Notfall. Einspeisemanagement darf daher auch nicht bei der Netz(ausbau)planung berücksichtigt werden.
    Deswegen werden die Netze zurzeit neben der zeitgleichen Jahreshöchstlast auch nach der maximalen Einspeisung von Erneuerbaren ausgelegt.
    Nach dem neuen Konzept soll die Berücksichtigung einer „Spitzenkappung von bis zu drei Prozent der von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen erzeugbaren Jahresenergie („letzte kWh“) zur Netzplanung auf Verteiler- und Übertragungsnetzebene“ zulässig sein. Wichtig dabei: Das BMWi will an einer vollständigen Kompensation aller Anlagenbetreiber für Abschaltungen festhalten.
    Ungeklärt ist, ab welcher Anlagengröße EE-Anlagen zur Teilnahme am Einspeisemanagement verpflichtet werden. Diese Frage wurde und wird in der aktuellen Diskussion um einen Smart Meter-Rollout heiß diskutiert. Die Verteilernetze-Studie im Auftrag des BMWi, deren Ergebnisse nun im Netz-Teil des Grünbuchs übernommen wurden, macht dazu keinen konkreten Vorschlag. Die Autoren halten die IKT-Kosten bei Anlagen mit einer Leistung kleiner <7kW jedoch für unverhältnismäßig hoch. Deswegen sollen kleinere Anlagen "nur" dazu verpflichtet werden, die Anlagen von sich aus auf 70% zu kappen, wie es in § 9 EEG 2014 geregelt ist. Auch differenzieren die Autoren nach Alt- und Neuanlagen. Die Nachrüstung von größeren Altanlagen soll der Netzbetreiber finanzieren, bei Neuanlagen der Anlagenbetreiber. Ernst&Young hatte in der Kosten-Nutzen-Analyse zum Smart Meter-Rollout dagegen vorgeschlagen, trotz der erheblichen Zusatzkosten alle neuen und alten (!) PV-Anlagen (und BHKW) ab 0,25 kW (!) zu verpflichten. Auch schlägt E&Y vor, die Kompensation für Abregelung auf 50% zu begrenzen.
    Eine Umfrage der Verbraucherzentrale NRW hat dagegen gezeigt, dass die allermeisten Verteilernetzbetreiber kleine Anlagen überhaupt nicht gebrauchen können bei der Gewährleistung der Netzsicherheit. Die Auffassung dieser entscheidenden Akteure in Sachen Netzmanagement ist offenbar noch nicht ausreichend gehört worden.
    Neben den „großen“ Themen des Grünbuchs wird die Integration von „Prosumer“-Anlagen in das Smart Grid von entscheidender Bedeutung sein. Denn sie betrifft hunderttausende Prosumer. Natürlich macht es Sinn, Netzausbau durch Last- und Einspeisemanagement zu reduzieren. Aber nur dann, wenn es sinnvoll ist. Eine Bagatellgrenze bis 10 kWp wie beim Eigenverbrauch erscheint ratsam. Prosumer mit unnötigen Zusatzkosten an die Kandare zu nehmen, wäre ein fatales Signal. Insofern ist Augenmaß gefordert!

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