Fünf Vorhersagen für 2014

2014 hat spannend angefangen. In Windeseile hat der neue Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) eine tiefgreifende Reform des Erneuerabare-Energien-Gesetzes auf den Weg gebracht, die einiges durcheinanderwirbeln wird, viele Geschäftsmodelle beendet und für neue relativ wenig Raum lässt. Auf EU-Ebene ist vorgezeichnet, dass die Klimaschutzpolitik deutlich abgeschwächt wird. Das Jahr besitzt also schon jetzt eine rasante Dynamik. Bei vielen Entwicklungen ist noch schwer vorhersehbar, wie sie verlaufen werden. Dennoch scheint mir im Augenblick die Entwicklung einiger großer Linien für dieses Jahr erkennbar zu sein, die sogar die kommenden Jahre prägen könnten. Im Bewusstsein, dass falsche Vorhersagen peinlich und Prognosen ganz generell ein gefährliches Pflaster sind, möchte ich dennoch fünf Thesen für dieses Jahr aufstellen.

1. Sigmar Gabriel wird seine EEG-Reform weitgehend unverändert durchsetzen können

Der Energieminister kann ein historisch bislang einmaliges „Window of Opportunity“ nutzen, um die EEG-Reform gegen alle Widerstände durchzusetzen und den Ausbau der Erneuerbaren zu Deckeln. Sein Vorgänger Peter Altmaier (CDU) hatte bis auf ein paar unausgegorene Ablenkungsmanöver („Strompreisbremse“) nichts zustande gebracht, was in seiner kurzen Amtszeit und der bevorstehenden Bundestagswahl auch nicht anders zu erwarten war. Gabriels Vorvorgänger Norbert Röttgen (CDU) hatte mehr Zeit, sah sich aber einer massiven Abwehrphalanx gegenüber, bestehend aus Ökostrombranche und Bundesländern, die gut zusammenarbeitete. Gabriel ist in einer anderen Lage: Die EEG-Umlage ist mit 6,24 Cent auf ein Niveau gestiegen, dass einen hohen scheinbaren Handlungsdruck-, aber auch eine Legitimationsgrundlage erzeugt. „Scheinbar“ deshalb, weil die Reform an der zukünftigen EEG-Umlage kaum etwas ändern wird. Wichtiger noch ist Gabriels Vorteil Nummer zwei: Er steht unter dem Druck der EU-Kommission, die gegen die Industrierabatte im EEG vorgeht. Das Damoklesschwert Brüssel wird Gabriel einsetzen, um den straffen Zeitplan durchzusetzen. Und die Bundesländer werden es diesmal nicht wagen, im Bundesrat eine Drohkulisse aufzubauen. Ein paar kleine Bonbons wird Gabriel noch verteilen, bei der Windkraft bahnt sich das schon an. Und dann kommt der Deckel drauf, im doppelten Wortsinn.

2. Die europäischen Regierungschefs zerstreiten sich heillos über den Klimaschutz

Genau wie in Deutschland ist auch auf europäischer Ebene inzwischen allen klar, dass Klimaschutz und Energiewende auch ein riesiger Verteilungskampf sind. Ich persönlich denke, dass es sich um ein Positivsummenspiel handelt. Doch das sehen vor allem die Vertreter der Visegrad-Gruppe osteuropäischer Länder, insbesondere Polen, anders. Noch formulieren sie ihre Position vorsichtig. Doch im Laufe des Jahres 2014 werden sie verstärkt mit der Botschaft an die Öffentlichkeit treten und in Verhandlungen klarmachen, dass sie Europas Wirtschaft (vor allem ihre eigene, sehr kohlendioxidintensive) durch überzogenen Klimaschutz gefährdet sehen. Kritiker des EU-Kommissionsvorschlags, die Treibhausgasemmissionen bis 2030 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 abzusenken, werden sich noch wundern, wie schön es wäre, wenn Europa sich wirklich auf ein solches Ziel einigen kann. Ein sehr viel schlechterer Kompromiss wird wohl erst 2015 gefunden, wenn der Druck durch die anstehende große Klimaschutzkonferenz in Paris übermächtig wird. Aber dieses Jahr wird erkennbar sein, wohin die Reise geht und dass Europa sich schon in wenigen Jahren nicht mehr als Vorreiter beim Klimaschutz und den erneuerbaren Energien bezeichnen kann.

3. Die Krise der Ökostrombranche zieht alle Bereiche in Mitleidenschaft

2013 war bereits ein wirklich mieses Jahr für die Grünstrombranche in Deutschland. Ich habe mich darüber gewundert, wie wenig Aufregung die Meldung verursacht hat, dass die Investitionen um fast 50 Prozent eingebrochen sind. Klar, dafür ist vor allem der Bereich Solarenergie verantwortlich. Und Katzenjammer hat auch schon vorher geherrscht. Doch der Marktkollaps ist schon atemberaubend, ganze Wertschöpfungsketten kollabieren. Der Absturz wird 2014 weitergehen, die EEG-Reform schwächt zum Beispiel den Bereich Biomasse zusätzlich, auch in der Windkraftbranche ist die Verunsicherung groß. Die Krise wird sich nun ausweiten, von den Fabrikhallen in den gewaltigen Apparat, der darum herum gebaut ist: Den Forschungszentren werden die Drittmittel knapp. Die Unternehmensberater müssen sich einen kleineren Kuchen teilen, mit Ausnahme der Insolvenzverwalter. Fachdienste und -magazine müssen mit stark schrumpfenden Einnahmen rechnen. Das große Jammern ist bei den Arbeitern und Solarteuren schon fast vorbei. In vielen anderen Bereichen hat es gerade erst begonnen. Ich bin gespannt auf die Stimmung beim Neujahrsempfang des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) Mitte Februar.

4. Zukunftsthemen werden kaum vorankommen

Der Absturz des Grünstrommarktes 1.0 kann auch dieses Jahr noch nicht durch einen Markt 2.0 kompensiert werden.  2014 wird auch hier, wieder einmal, ein Jahr der enttäuschten Hoffnungen. Das Thema Smart Meter ist schon im Herbst entzaubert worden. Für private Haushalte lohnt es einfach nicht. Ordnungspolitische Eingriffe würden nur eine geschlossene Abwehrfront aus Verbraucherverbänden und Bild-Zeitung erzeugen. Bei den Speichertechnologien sind extrem viele interessante Ansätze zu beobachten. Aber es sind eben nur Ansätze. Und das Thema mit der höchsten Dynamik, der Eigenverbrauch, wird von Gabriel mit dem neuen EEG gekillt. Ich bezweifle zwar, dass es rechtlich haltbar ist, 70 Prozent der EEG-Umlage auf eigenerzeugten Strom aus EEG-Anlagen zu erheben. Aber bis das geklärt ist bleibt der Markt jenseits von Kleinstanlagen (unter zehn Kilowatt Leistung) gelähmt. Möglicherweise lässt sich Gabriel hier noch erweichen. Aber bald wird dann auch mit den Netzentgelten gegengesteuert.

5. Eine große Unbekannte

Fast jedes Jahr gibt es am Energiemarkt eine Entwicklung, die kaum jemand auf dem Schirm hat. 2010 war es der erste EEG-Schock: Es wurde bekannt, dass die Umlage von rund zwei auf rund 3,5 Cent hochschießen wird zum Jahreswechsel. 2011 natürlich die Reaktorkatastrophe in Fukushima und auch die Landtagswahl in Baden-Württemberg, die im grünen Triumph endete. 2012 war das Jahr, in dem klar wurde, dass die großen Energiekonzerne schon längst nackt sind und ihr traditionelles Geschäftsmodell zusammenbricht. Damit verbunden kam das Thema Kapazitätsmärkte auf den Schirm. 2013 schließlich die Bundestagswahl, nach der sich auch in der Sitzverteilung im Bundestag widerspiegelte, dass das Thema Energiewende an Priorität verloren hat. Ich gehe fast jede Wette ein, dass auch dieses Jahr eine große Unbekannte viele Pläne durcheinanderwirbeln wird. Es liegt in der Natur der Überraschung, dass sie nicht vorhergesehen werden kann. Vielleicht gibt es wirklich mal einen großen Blackout? Oder, eine schönere Vorstellung: In der EU kommt es zum Stimmungsumschwung durch äußerst geschickte Klimadiplomatie der Kanzlerin.
Vielleicht haben Sie als Leser dieses Blogs ebenfalls Freude an der Spekulation. Kommentare, auch zu den anderen vier Punkten, sind wie immer erwünscht.
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2 comments for “Fünf Vorhersagen für 2014

  1. Schmidt
    31. Januar 2014 at 20:27

    „geschickte Klimadiplomatie der Kanzlerin“? Das war sicher ein Schreibfehler, Sie meinten bestimmt „geschickte Lobbydiplomatie für Energiekonzerne. Was anderes hat Merkel nie gemacht, nun hat sie auch noch den dicken Altmaier Nr.2 (Gabriel) an ihrer Seite.

  2. 1. Februar 2014 at 00:15

    Weitere wilde Mutmaßungen finden Sie in dem Beitrag „Paradoxe Intervention: Nehmen wir mal an…“ auf metropolsolar.de

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