Flatrate fürs Stromnetz: Die unvermeidliche Reform

Die politische und ethische Unterstützung für die Energiewende baut auf dem Verständnis der „Tragedy of the Commons“ (Tragik der Allmende) auf. Eine Almende-Tragik liegt dann vor, wenn individuelle Verhaltensanreize gemeinschaftliche Werte stark schädigen. Das klassische Beispiel ist der Fischteich: Wird er zu stark überfischt, wirft er für niemanden mehr etwas ab, doch für jeden einzelnen Fischer ist der Reiz hoch, sein eigenes Einkommen zu verbessern statt die Allmende zu schützen. Kommt er seinem Nachbarn zuvor, sichert er sich wenigstens noch einen Teil der restlichen Fische, zerstört allerdings dabei das Allgemeingut. Die Parallelen etwa zur Klimaschutz- und damit Energiepolitik sind unübersehbar.

Auch in unserem deutschen Energieversorgungssystems gibt es ein Allmende-Problem, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Es geht um das Stromnetz und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Getragen wird das Netz nämlich durch eine gemeinschaftliche Finanzierung durch die Nutzer. Seine Stabilität ist ein öffentliches Gut mit extrem hohem Wert für uns alle. Die Finanzierung allerdings erfolgt nicht äquilavent zum Nutzen – und das könnte in Zukunft zum Problem werden, wenn die Eigenerzeugung von Strom immer üblicher wird und die sogennanten „Prosumer“, also Konsumenten, die Strom auch selbst erzeugen, zum Massenphänomen werden. Zwar ist Eigenerzeugung in der Industrie schon lange übliche Praxis. Doch dort erfolgt sie in der Regel stabil durch fossile Kraftwerke. Wer hingegen eine Solaranlage (mit Speicher) und den eigenen Verbrauch so optimiert, dass er im Sommer weitgehend seinen Bedarf decken kann, aber im Winter dennoch voll auf das Stromnetz zugreift, der nutzt die Allmende, ohne sich an ihr voll finanziell zu beteiligen. Denn derzeit wird das Netz weitgehend über die Abrechnung elektrischer Arbeit finanziert, also über die verbrauchten Kilowattstunden, nicht die maximal entnommene Leistung. In der Niederspannung werden gerade einmal sieben Prozent der Netzentgelte über fixe Zahlungen erbracht. Es gibt also eine gewaltige Asymetrie zwischen Finanzierung und Kostenverursachung.

Ein konkretes Beispiel: In einem Netzgebiet mit einem Entgelt von sechs Cent pro Kilowattstunde reduziert ein Haushalt seinen Stromverbrauch von 4500 auf 1500 Kilowattstunden durch die Installation einer Solaranlage mit Batterie. Dadurch sinkt allein der Beitrag zu den Netzentgelten um 180 Euro pro Jahr (plus Steuern). Die Kosten für die sichere Stromversorgung sinken allerdings nicht, denn das System ist auf die maximale Last ausgelegt, die im Winter auftritt. Die Allmende, also Stromnetzbau, -instandhaltung, -steuerung und sogar das Vorhalten von Kraftwerkskapazitäten zur Netzstabilität, muss also weiter in voller Höhe finanziert werden. Die Folge: Die Entgelte für die verbleibenden Kilowattstunden müssen steigen, und alle Konsumenten zahlen entsprechend mehr. Auch wenn es noch abwegig erscheint: Im Extremfall wäre sogar eine Todesspirale für das Stromnetz denkbar, bei der die Nutzungskosten so hoch sind, dass jeder, der kann, aus der Solidargemeinschaft flieht, auch unter hohen individuellen Kosten. Gekniffen wären dann zum Beispiel Mieter in der Stadt, die nicht über Ausweichmöglichkeiten verfügen.

Bei Allmende-Problemen gibt es zwei klassische Lösungen: Entweder, das allgemeine Gut wird privatisiert und ein starker, mit Eigentumsrechten versehener Besitzer kann die entstehenden Kosten am Markt erzielen. Bei einem Monopol wie dem Stromnetz ist unregulierter Privatbesitz allerdings nicht vorstellbar. Die zweite Möglichkeit: Der Staat greift ein. In Fall des deutschen Stromnetzes „besitzt“ er die Allmende de facto schon, denn er kann die Regeln bestimmen – und er wird sie aller Voraussicht nach entsprechend anpassen müssen.

Zwar gibt es noch kein Gesetzesvorhaben, das in diese Richtung zielt. Doch auf der Göttinger Energietagung wurde vor einigen Wochen deutlich, dass es in der Fachwelt längst einen Konsens darüber gibt, dass eine Neuregelung naezu unvermeidbar ist. Am wahrscheinlichsten ist wohl eine Flatrate, die sich nach der maximal zur Verfügung stehenden Leistung des Anschlusses richtet. Der Veranstalter, das Energie-Forschungszentrum Niedersachsen, hat die gehaltenen Präsentationen dankenswerterweise online gestellt. Die Beiträge sind spannend und bieten eine hervorragende Übersicht über das Thema.

Überrascht hat mich vor allem die Sympathie, mit der die Bundesnetzagentur in ihren zwei Beiträgen einer umfassenden Netzentgeltreform begegnet. Eine neue Flatrate sei „versursachungsgerecht“, heißt es in dem einen, und in dem anderen schließt der Abteilungsleiter Energie der BNetzA mit den Worten: „Machen wir uns auf den Weg.“ Auch der mächtige BDEW will die solidarische Finanzierung der Netzinfrastruktur retten. Der größte Verteilnetzbetreiber RWE fordert ebenfalls eine, wenn auch moderatere, Reform. Nur der Solarverband BSW ist eher skeptisch, denn natürlich würden sich die Eigenerzeuger weniger Geld sparen, je höher die fixen Netzentgelte sind.

Spannend sind übrigens auch die Erfahrungen, die ein niederländischer Netzbetreiber referiert. Die Holländer haben erfolgreich auf Flatrates umgestellt, als bisher einziges Land Europas. Beschwerden und Probleme gibt es kaum. Wenn, dann kommen sie zum Beispiel von Appartmentbesitzern in Häusern mit Aufzug. In der Tat, für Aufzugbetreiber wäre eine lastabhängige Flatrate wohl ziemlich teuer. Satte 17 Kilowatt zieht ein Lift während des Fahrbetriebs, etwa so viel wie zehn gleichzeitig eingeschaltete Staubsauger.

Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang die Position des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). Der unterstützt den BSW und seine Ankündigung, gegen die Belastung des Eigenverbrauchs mit der EEG-Umlage Verfassungsbeschwerde einzulegen. Beim Thema Netzentgelte jedoch ist für den Energieexperten des VZBV, Holger Krawinkel, klar: Die Netzflatrate kommt, wie die Überschrift eines lesenswerten Beitrags heißt. Die Logik hinter dieser Unterscheidung halte ich für überzeugend: Die geplante Belastung mit der EEG-Umlage ist ein Unding, denn dann müsste für etwas bezahlt werden, was gar nicht in Anspruch genommen wird. Jemand, der gerade seinen Strom vom Dach verbraucht, bekommt schließlich nicht auch noch welchen aus dem Windpark obendrauf. Beim Netz ist es genau andersherum: Wer seinen Verbrauch senkt, aber weiter am Netz hängt, der zahlt für etwas nicht, was er bekommt: Versorgungssicherheit. Wer das bestreitet, kann sich ja ganz vom Netz trennen lassen. Dann ist natürlich auch keine Kostenbeteiligung nötig. Aber in den dunklen Winterwochen wird auch die größte Batterie unweigerlich schlappmachen.

Auf der Göttinger Tagung wurde allerdings auch klar: Ganz problemlos ist die Netzflatrate nicht, und das liegt nicht nur an Aufzugbetreibern. Erstens müsste ordnungspolitisch durchgesetzt werden, dass die Anschlussleistung abgeregelt werden darf und zum Beispiel kleinere Sicherungen eingebaut werden. Zweitens müsste eigentlich für optimale Verursachergerechtigkeit über eine Berechnung der sogenannten Gleichzeitigkeit festgestellt werden, wer genau wann wie viel Strom verbraucht und sich die Kosten danach richten. Das ist aber kaum umsetzbar, ohne flächendeckende Smart Meter schon gar nicht. Drittens würde eine Netzflatrate das gesamte Tarifsystem durcheinanderwirbeln. Die Verteilung der Kosten zwischen Industrie und Kleinverbrauchern und die regional sehr unterschiedlichen Netzgentgelte müsste neu entschieden werden. Das macht eine Lösung nicht einfacher.

Dennoch: Die Netzentgeltreform wird kommen. Dafür ist der Konsens unter den Fachleuten, vor allem bei der mächtigen Bundesnetzagentur, zu groß. Und der politische Handlungsdruck steigt mit jeder neuen Eigenerzeugungsanlage. Mal gucken, ob es, wie einige meinen, sogar schon dieses Jahr so weit sein könnte mit einer entsprechenden Reform des Energiewirtschaftsgesetzes.

Share

3 comments for “Flatrate fürs Stromnetz: Die unvermeidliche Reform

  1. Jochen
    26. Mai 2014 at 11:47

    Ich vermute auch, dass es auf die Flatrate hinausläuft, zumal das logisch und verursachergerecht ist und es auch zweifelhaft ist ob die Kommision die recht verschrobene aktuelle Regelung akzeptieren wird.
    Das mit den Aufzügen ist wahrscheinlich nicht so dramatisch, da es sich anscheinend nur um die Maximalleistung beim Beschleunigen handelt, was sich auch per Kondensatoren und Bremsenergierückgewinnung dämpfen ließe (siehe auch den Lösungsansatz auf der verlinkten Seite).

  2. 26. Mai 2014 at 22:28

    Ja, das mit der Flatrate. Irgendwie glaube ich nicht daran, aber ich kann schon verstehen, dass das alle sehr schick finden. Ich habe dazu schon ein, zwei mal geblogged:
    http://hendrik42.twoday.net/stories/264162830/
    http://hendrik42.twoday.net/stories/706564041/
    Aus meiner Sicht sind da eine ganze Menge Fragen offen und ich frage mich, ob das nicht die lokale Installation von Akkus bzw. Kondensatoren nach oben treibt und ich bin mir nicht sicher, ob es das besser macht. Oder sicherer…

  3. Kastell
    21. Dezember 2014 at 10:09

    Es ist schon sehr interessant zu sehen, wie sich die großen Fischer um den Teich kümmern und welche Argumente vorgetragen werden, wenn die Sportangler versuchen ihren Anteil zu fangen. (PV)
    Es gibt wenn man sich in der Welt umsieht kaum eine Struktur in dem die großen Player im Markt keinen Raubbau mit den Ressourcen machen. Und gerade die Energiewirtschaft zählt zu den Nimmersatten und ethisch zweifelhaften Organisationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.