Europas solare Superfabrik – eine kritische Betrachtung

Seit einigen Monaten spukt die Idee einer staatlich geförderten, gigantischen europäischen Fabrik für Solarmodule durch die Photovoltaik-Branche. Die Lage ist derzeit noch recht unübersichtlich, es gibt zwei unterschiedliche Ansätze, die ich zunächst einmal vorstellen werde. Die Idee ist ziemlich spektakulär und würde, wenn die Umsetzung tatsächlich fortschreitet, großes Aufsehen erregen. Jedoch: Ein staatlicher Eingriff in dieser Größenordnung ergibt weder politisch noch ökonomisch wirklich Sinn.

Doch dazu später mehr. Zunächst einmal seien die beiden Vorhaben kurz vorgestellt: Da ist das ominöse Projekt xGWp, dessen Name für ein Multi-Gigawatt-Peak steht, also eine Solarfabrik, die Module mit einer Leistung von mehreren Gigawatt pro Jahr produzieren kann. Bei einem Weltmarkt von etwa 40 Gigawatt pro Jahr ist das eine sehr erhebliche Größe. Zu xGWp gibt es bislang offiziell nur eine dürre Meldung des Freiburger Technologieinstituts Fraunhofer ISE. Darin heißt es, dass ein Konsortium mit Beteiligung des Fraunhofer und einem französischen und einem Schweizer Forschungsinstitut am Konzept für die Umsetzung einer Multi-Gigawatt-Fabrik arbeite. Auch Unternehmen seien eingebunden, allerdings gibt es keine Infos, wer damit gemeint ist. Auch auf Nachfrage bleibt alles im Ungefähren: Weder werden weitere Beteiligte genannt, noch die Technologie, die eingesetzt werden könnte noch ein möglicher Ort für die Fabrik.

Zweitens existiert seit Dezember eine Studie, die scheinbar mit dem xGWp Projekt verbunden ist. Unter dem Stichwort X-GW-Fabrik wurde im Dezember eine Untersuchung von Fraunhofer ISE (richtig, das gleiche Institut wie beim ersten Projekt) und Fraunhofer IPA im Auftrag des Landes Baden-Württemberg vorgestellt. Darin wird auf 145 Seiten eine europäische Gigawattfabrik auf die technische und ökonomische Umsetzbarkeit untersucht. Tatsächlich handelt es sich allerdings um zwei verschiedene Vorhaben, wie von Seiten des xGWp-Projekts betont wird.

Die Studie ist sehr lesenswert, weil sie ausführlich die Marktlage in der Photovolatik-Industrie analysiert und drei unterschiedliche Techniken vorstellt, die in der Superfabrik Einsatz kommen könnten. Zwei davon basieren auf der klassischen Siliziumtechnik, die dritte Möglichkeit wäre der Einsatz der CIGS-Dünnschichttechnik. Sie sind in der Studie auch für Laien gut verständlich herausgearbeitet (ab Seite 67). Die Studie kommt zum Schluss, dass die Fabrik mittels einer Investition von etwa einer Milliarde Euro in den Bereich von etwa 40 Cent pro Wattpeak Leistung vorstoßen und damit 2017 leicht 20 Prozent unter den derzeitigen Photovoltaik-Kosten produzieren könnte. Und schließlich, da ist der Auftraggeber natürlich deutlich zu erkennen, schlägt die Studie Baden-Württemberg als idealen Standort für ein solches Projekt vor.

Sogar eine kurze politische Einschätzung ist in der Studie enthalten. Nötig für die Umsetzung, heißt es, sei eine „substanzielle nationale und europäische Unsterstützung auf höchster politischer Ebene“. Ansonsten werde es in einigen Jahren keine PV-Produktion mehr in Europa geben.

Immerhin: Der französische Präsident François Hollande ließ im Januar verlauten, Europa brauche einen „Airbus der Energie“, also einen staatlich geförderten Energieriesen. Mit Spannung habe ich deshalb auf das deutsch-französische Ministertreffen vorige Woche gewartet, bei dem auch Energiethemen besprochen wurden. Aber die Abmachungen im Abschlussdokument gehen nicht über einige kleine Kooperationen im Bereich Energie hinaus, von einem großen Solar-Projekt ist nicht mehr die Rede. Nachfragen meinerseits für Europolitics führten ins Leere. Die Zukunft des Projekts ist also völlig offen.

Ich persönlich wünsche der Solarbranche in Deutschland und Europa alles Gute. Ich kann auch gut nachvollziehen, dass es für Solarforscher wie Eicke Weber, den Chef des Fraunhofer ISE, enorm frustrierend sein muss, zu beobachten, wie Pionierleistungen und hervorragende Techniken in Europa schlicht nicht mehr umgesetzt werden können, weil die Branche gar nicht mehr in der Lage ist, langfristige und hohe Investitionen zu tätigen, sondern Tag für Tag ums Überleben kämpft. Kein Wunder, dass er und sein Institut sich für die Mega-Solarfabrik ins Zeug werfen.

Dennoch: Eine mit Staatsgeldern gebaute europäischen Megafactory wäre eine höchst problematische Idee. Innerhalb einer marktwirtschaftlichen Ordnung braucht es für einen massiven staatlichen Eingriff immer eine gute Begründung. Die ist im Fall der solaren Superfabrik nicht gegeben. Der Vergleich mit Airbus ist irreführend. Die Solarfabrik würde zudem deutlich gegen unsere Wettbewerbsordnung verstoßen. Warum?

– Airbus und vor allem der Rüstungskonzern EADS sind sicherheitspolitisch stark relevant. Ob man mit der Idee einer europäischen Verteidigungspolitik sympathisiert sei dahingestellt. Innerhalb des verteidigungspolitischen Rahmens der 60er-Jahre ergab die Idee der Gründung eines strategischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns allerdings sehr viel Sinn, wenn man sich nicht völlig der US-Vorherrschaft (Boeing, Lockheed Martin etc.) unterwerfen wollte. Dieser Hintergrund ist bei der Solarbranche natürlich nicht gegeben.

– Die Solarindustrie ist auch keine kritische Infrastruktur. Selbst das Worst-Case-Szenario, ein eskalierender Konflikt mit dem dominanten Produzenten China, würde schlimmstenfalls lediglich zu einem Abbruch der Lieferungen neuer Solaranlagen führen. Die europäische Energieversorgung wäre nicht unmittelbar gefährdet.

– Ein weiterer Aspekt ist die Handelspolitik. Bei Airbus/Boeing ging es darum, ein sich anbahnendes wirtschaftliches US-Monopol (Jet-Produktion in der westlichen Welt) zu brechen. Das ist gelungen. Und auch ein Duopol verspricht noch derart hohe Gewinne, dass die möglichen Ineffizienzen, die der staatliche Eingriff mit sich bringt, über den Preis hereingespielt werden können (man denke an die Verteilung der EADS-Produktionsstätten, die nicht ökonomischer, sondern politischer Logik folgen). Die Solarindustrie hingegen ist weit von einer Monopolisierung entfernt. Zwar konzentrieren sich die Produktionsstätten auf China, doch dort herrscht ein harter Konkurrenzkampf, zudem gibt es nach wie vor auch viele andere Weltregionen, in denen mehr oder weniger erfolgreich Solartechnik gebaut wird. Da die Komplexität der Solarbranche im Vergleich zur Luftfahrt gering ist, ließe sich im Fall der Fälle auch schnell hier in Europa wieder Kapazität installieren. Die Monopolbrechung ist anders als in hochkomplexen Industrien wie der Luftfahrt jederzeit möglich, das hat auch der schnelle Aufstieg Chinas zur Nummer 1 gezeigt.

– Die Gigawattfabrik wäre auch kein Beitrag zur Grundlagenforschung, sondern ein staatlicher Eingriff in einen etablierten Wirtschaftszweig, der Milliardenumsätze erzielt. Als Forschungsförderung kann das Projekt angesichts seiner Größe auf keinen Fall durchgehen.

– Wenn die Geschäftsidee einer europäischen Superfabrik wirklich so überzeugend und schlagend ist, wie in der Studie dargestellt, dann müsste es leicht möglich sein, privates Kapital zu gewinnen. Dass die staatliche Hilfe als unabdingbar gesehen wird, zeigt schon, dass an den wirtschaftlichen Chancen offenbar doch erhebliche Zweifel bestehen. Zwar sind die Aussichten für den Solarmarkt wieder deutlich besser als vor ein, zwei Jahren, allerdings schlafen auch die Wettbewerber nicht und investieren ebenfalls in neue Produktionsanlagen. Dass der Weltmarktpreis mit der neuen Investition wirklich unterboten werden kann und die Profitabilität hoch ist (wie in der Studie ausgearbeitet), ist also eine Wette, deren Eintritt höchst unsicher ist.

– Viele sonstige Argumente, zum Beispiel Arbeitsplätze, die entstehen würden, würden auch einen staatlichen Eingriff in jeder anderen Branche rechtfertigen und können nicht als Kriterium dienen.

– FÜR ein staatliches Engagement spricht das Gerechtigkeitsempfinden. Tatsächlich haben chinesische Solarfirmen jahrelang von massiven direkten und indirekten Subventionen profitiert. Doch das hat die Chinesen auch bitter gekostet. Sie sitzen auf faulen Milliardenkrediten an die Branche und haben ihre eigene Solarblase erlebt, bei deren Platzen zum Beispiel der Weltmarktführer Suntech pleite ging. Die Investition in eine einzelne Fabrik in Europa kann das Problem, dass es jahrelang kein „level playing field“ zwischen China und der EU gab,ohnehin nicht kompensieren, denn die Subvention würde ja nicht breitflächig verteilt.

– Dieser Gedanke leitet auch zum letzten Punkt: Eine europäische Solarfabrik hätte vor allem Europa als Absatzmarkt (in der Studie wird Südeuropa erwähnt), denn die Transportkosten fertiger Module spielen durchaus eine Rolle. Hinzu kommt, dass die Chinesen derzeit Höchstquoten unterliegen und Mindestpreise abgemacht wurden als Resultat des Handelsstreits mit der EU. Wenn die Superfabrik aber nach Europa liefert, wird sie dort zweifellos private Unternehmen zumindest zum Teil aus dem Markt drängen. Das wäre unfair und würde vermutlich auch zu heftigen juristischen Gefechten führen. Vermutlich würden die EU-Wettbewerbsbehörden das Vorhaben ohnehin stoppen, bevor es richtig los gegangen ist. Solarworld jedenfalls geht schon einmal auf Distanz: „Die Gigawatt-Fab ist eine Fata Morgana, die genausowenig Realität wird wie Desertec„, ließ der deutsche Solarkonzern verlauten.

Ich denke, dieser Einschätzung kann man sich anschließen. Es sind einfach zu viele Probleme kaum aus der Welt zu schaffen. Auf einem anderen Blatt steht, dass die Politik dennoch vieles tun kann und alles tun sollte, um die Solarbranche in Europa zu stärken, beispielsweise über die bereits gut etablierte Forschungsunterstützung fortsetzen. Die Entscheidung, eine Mega-Fabrik zu bauen, muss dann aber ein mutiger Unternehmer oder ein Konsortium treffen – und zwar ohne die Politik.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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