Energiewende macht den Ökostromanbietern zu schaffen

[Der folgende Beitrag erscheint leicht verändert in der am 2. Nov. erscheinenden Sonderbeilage der Fachzeitschrift Energie&Management anlässlich der Ökostromtagung am 13./14. November in Berlin.]

Stell dir vor, es ist Energiewende und rund fünf Millionen Ökostromkunden wollen mitmachen. So könnte man die derzeitige Situation des Ökostrommarktes zugespitzt beschreiben. So viele Ökostromkunden sind ein Erfolg für die Anbieter. Während sich alle Augen auf die möglichen Änderungen des EEG richten, müssen die Ökostromanbieter angesichts des Erfolges der Stromwende ihre Geschäftsmodelle entscheidend weiterentwickeln. Aktuelle Versuche, die Pioniere des liberalisierten Energiemarktes als „Auslaufmodell“ auf Abschiedstour zu schicken, sind verfrüht.

Richtig ist, dass die Nachfrage nach Ökostromprodukten mit dem aktuellen Ausbau der erneuerbaren Energien kaum etwas zu tun hat. Das Potenzial wird nicht genutzt, diese mit gut 12 Prozent nicht eben kleine Gruppe der Stromverbraucher für die Gestaltung der Energiewende sinnvoller einzubinden als bisher.

Ein Blick in die Geschichte der Entwicklung des freiwilligen Ökostrommarktes hilft beim Verständnis der derzeitigen Situation.

Die Liberalisierung der Energiemärkte 1998 bedeutete auch eine Zäsur für die energiepolitische Debatte. Denn Kern der Liberalisierung war neben dem Unbundling des Netzbetriebs von Erzeugung und Vertrieb auch das Recht der Privat- und Gewerbekunden auf die freie Wahl des Stromanbieters. Mit dieser Option avancierte der Kunde zu einem entscheidenden Akteur des Strom- und Gasmarktes. Mit der freien Handelbarkeit des Stroms lag die Idee auf der Hand, über die Anbieterwahl eine Nachfrage nach Ökostrom zu generieren, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen – mehr Ökostrom sollte so erzeugt werden als dies über das damalige, aus dem Jahre 1991 stammende Stromeinspeisungsgesetz möglich erschien.

In diese Zeit fielen noch weitere Ereignisse, die für die Energiewende als Treiber entscheidenden Einfluss hatten: Rot-Grün gewann die Bundestagswahl 1998, ein konkreter Atomausstieg wurde zum festen Bestandteil der politischen Agenda, ein verbessertes Erneuerbare-Energien-Gesetz (als Nachfolgeregelung des Stromeinspeisungsgesetzes) trat in Kraft und gleichzeitig gewann die Klimapolitik mit dem Emissionshandel eine neue Bedeutung.

Die aus dieser Situation entwickelte Idee, mit Nachfrage nach Ökostrom den Ausbau der entsprechenden Erzeugungsanlagen zu fördern, war die Geburtsstunde der Ökostromanbieter. Mit Unterstützung der Umweltverbände und vielen engagierten Akteuren der erneuerbaren Energieszene wurde die Grundidee geboren, mit der Nachfrage nach Ökostrom den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern.

Diese Idee prägt bis heute das Geschäftsmodell vieler Ökostromanbieter. Guter Ökostrom ist der, der den Zubau neuer regenerativer Anlagen fördert, gegebenenfalls zusätzlich zum bestehenden Fördersystem – das ist der Grundkonsens in der Umweltszene. Die Tatsache, dass diese Geschäftsidee des Ökostrommarktes deutlich vor dem Start des EEG an den Markt gebracht wurde, verdeutlicht, warum die Neubauförderung bis heute im Zentrum der Nützlichkeit von Ökostromtarifen steht.

Die Diskussion, was die Angebote politisch und energiewirtschaftlich bewirken sollen, wird sich in den kommenden Monaten verschärfen. Die sich abzeichnende Rückendeckung der Großen Koalition für die Kohlekraft könnte diese Frage weiter anheizen. Dabei war schon der bisherige Diskurs um die Frage, wie die Wirkung des Ausbaus von erneuerbaren Energien mit der Ökostromnachfrage angesichts des EEG organisiert werden kann, anstrengend genug. Der Neubauförderung der Ökostromangebote stand dem EEG immer ambivalent gegenüber:

  • Erstens war (und ist) das EEG ein stark reglementiertes, ordnungspolitisches Instrument, das innerhalb des liberalisierten Marktes einen Wirkungskreis durch feste Vergütungssätze und die EEG-Umlage etablierte. Der Erfolg dessen ist unbestritten, jedoch stand dies im Widerspruch zum Wesen des liberalisierten Strommarktes, in welchem die Ökostromhändler agierten. Es gab keine konzeptionelle Schnittstelle zwischen dem freiwilligen Ökostrommarkt und dem geförderten „nicht“-freiwilligen Ökostrommarkt. Diesen Schwachpunkt versuchte erstmals die EEG-Reform 2009 mit Optionen der Direktvermarktung zu beheben.

  • Zweitens müssen alle Stromkunden mit (kritisierter) Ausnahme der energieintensiven Industrie die EEG-Umlage zahlen. Zu dem für die Neubauförderung notwendigen höheren Preis des Ökostromtarifs kommt also die EEG-Umlage oben drauf. Dies strapaziert die Mehrzahlungsbereitschaft nicht nur bestehender Ökostromkunden, sondern vor allem möglicher zukünftiger.

  • Drittens ist inzwischen unbestritten, dass das EEG ungleich wirksamer für den Ausbau erneuerbaren Energien ist als die freiwillige Ökostromnachfrage. Dieser Umstand erfährt zunehmend eine kritische Kommentierung, vor allem wenn mit der Notwendigkeit und Wirksamkeit der Neubauförderung die Kunden umworben werden. Allerdings ist die Bewertung des bisherigen ökologischen Erfolgs der Ökostromtarife nicht trivial, da beispielsweise die Wirkung der Neubauförderung stark von der nachgefragten Menge abhängt. Inzwischen wirken in fast allen europäischen Staaten Fördersysteme. So wird es für die Händler in Zukunft schwieriger, das Neubaukriterium zu erfüllen, da zum Beispiel  in dem wichtigsten Lieferland Norwegen neue Wasserkraftwerke inzwischen eine finanzielle Unterstützung auf Basis eines Fördersystems erhalten.

Die qualitätsbewussten Anbieter stehen nunmehr vor drei Herausforderungen. Neben, erstens, der oben skizzierten „Sinnkrise“ der Neubauförderung stagniert zweitens der Markt. Die Kosten für Kundengewinnung und Kundenbindung steigen. Deshalb müssen sie, drittens, angesichts des Massenmarktes neue Alleinstellungsmerkmale entwickeln, um sich aus der Masse der Tarife abzuheben – trotz des stagnierenden Marktes.

Die technischen Wirkungen und Umstände einer Belieferung mit Ökostrom werden von den wenigsten Kunden verstanden, geschweige denn zur Grundlage für eine Wechselentscheidung herangezogen. Kaum ein Kunde entscheidet auf Basis eines persönlichen Erkenntnisprozesses, welcher Tarif den besten Umweltnutzen wie erzielt. Ökostromwechsel erfolgt nicht nach rationalen Kriterien, sondern nach emotionalen.

Das liefert die Grundlage, über eine bessere gesellschaftliche und politische Wirkung des freiwilligen Ökostrommarktes mehr Relevanz für die Energiewende und damit für den Markt zu entwickeln. Mit dem schon lange bestehenden Angebot, Ökostrom zu beziehen, konnten die Menschen in die Energiewende früh einbezogen werden. Die Verbraucher haben die erneuerbaren Energien als alltäglich und verlässlich kennen gelernt. Stromwechsel stärkt das Selbstbewusstsein der Verbraucher, mit darüber zu entscheiden, was mit ihrem Geld gemacht wird. Ökostromwechsel ist somit auch Ausdruck für eine Stärkung alle jener Marktkräfte, die positive Veränderung wollen und die Liberalisierung des Marktes als Chance für innovative Geschäftsmodelle sehen.

Es gibt kaum einen Versorger mehr in Deutschland, der nicht für sich in Anspruch nimmt, mit seinen Aktivitäten zur Energiewende beizutragen. Vor Fukushima war die Energiewende ein Konflikt in den Kategorien  „dafür“ oder „dagegen“. Heute sind alle irgendwie dafür und fast jeder Versorger nimmt daran Teil – wenn auch mit erheblichen Unterschieden. Diese Unterschiede sind aber für den Kunden sehr schwer zu erkennen. Sogar Fachleute scheitern daran, denn es ist gar nicht definiert, was derzeit eine wertvoller Beitrag zur Energiewende ist und was ein weniger wertvoller. Die Ökostromanbieter stehen deshalb vor der Frage, welche Rolle sie in der Energiewende einnehmen sollen. Nur Ökostrom zu verkaufen, ist nicht mehr ausreichend, fast schon langweilig. Immer mehr Kunden empfinden es gar als selbstverständlich, dass sie mit Ökostrom versorgt werden.

Für die Ökostromanbieter kommt es jetzt darauf an, ihre Relevanz für die Energiewende deutlich und erlebbar zu machen. Dies wird weniger über den Strommix und dessen Anteile aus neuen Anlagen ausgedrückt, sondern über das Engagement zu den Aufgaben, die für die Energiewende erfolgsentscheidend sind. Dazu sind einige Ideen bereits in der Erprobung.

Das Angebot mancher Versorger an ihre Kunden, sich finanziell an Anlagen zu beteiligen, ist eine erfolgreiche Erweiterung des Angebotes. Dieses Modell kann zu regionalen oder kundenspezifischen Tarifen führen, bei denen der Strommix unmittelbaren Bezug zu naheliegenden Kraftwerken nimmt.

Es ist davon auszugehen, dass sich unter der Klientel der Ökostromkunden überdurchschnittlich viele Interessenten für  Eigenversorgungsmodelle befinden. Die Ökoanbieter könnten diese Kunden mit Dienstleistungsmodellen gewinnen und darüber hinaus auf politischer Ebene an einer sinnvollen und fairen Integration der Eigenversorgungsmodelle in die Energiewirtschaft hinwirken.

Die Integration von schwankenden erneuerbaren Energien gehört bereits heute zu den größten Herausforderungen für ein Gelingen der Energiewende. Das EEG macht den Ökostromanbietern mit dem Grünstromprivileg ein konkretes Angebot. Es ist aber auch die einzige existierende Schnittstelle zwischen EEG und dem freiwilligen Ökostrommarkt. Und der Erfolg blieb aus. Zu kompliziert und vor allem zu risikoreich für die Anbieter, sich auf die Vorgaben des Grünstromprivilegs einzulassen. Deshalb haben drei Ökostromanbieter nun die Initiative ergriffen, den Gedanken der Direktvermarktung in den freiwilligen Ökostrommarkt mit einem Ökostrom-Markt-Modell weiter zu entwickeln.

Mit der fortschreitenden Wahrnehmung und dem praktischen Erleben der Energiewende im Energiealltag der Kunden dürfte es gelingen, diese von einem Paradigmenwechsel weg von der Neubauförderung hin zu einer Förderung der Energiewende im Sinne von Versorgungssicherheit und Integration fluktuierender Leistung zu überzeugen. Ein weiteres Feld für innovative Marktakteure ist die früher oder später notwendige Flexibilität, die das Gesamtsystem in Form von Speichern oder Demand-Side-Management bereitstellen muss, um den Schritt zu 80 und später 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung versorgungssicher zu vollziehen. Die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bietet derzeit übrigens das größte und wirtschaftlich sinnvollste Potential an Flexibilität für die kommenden Jahrzehnte. Einst war sie eine feste Größe in den Ökostromkonzepten bis sie aus Imagegründen verbannt wurde. Es wäre an der Zeit diesen Bann aufzuheben.

Fünf Millionen Ökostromkunden sind eine gute Grundlage für die Akzeptanz der anstehenden Herausforderungen für eine erfolgreiche Energiewende. Im freiwilligen Ökostrommarkt setzt ein wertvolles Stück Gestaltungswillen des Verbrauchers für eine Versorgung aus erneuerbaren Energien um. Die Ökostromvertriebe müssen dies als Auftrag begreifen, sich mit ihren Kunden zum Vorreiter der Energiewende zu machen. Dass es diese dringend braucht, wird beim Blick in die Unterlagen der die Energiepolitik verhandelnden Großkoalitionäre erschreckend deutlich.

(Die Branche des freiwilligen Ökostrommarktes trifft sich am 13./14. November in Berlin. Die Veranstaltung wird vom Hamburg Institut und damit dem Autor unterstützt.)

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