Elektrisches Exportwunder: Warum Deutschland am Stromhandel gut verdient

Gleich das Wichtigste vorweg: Die Behauptung, dass Deutschland überflüssigen Strom wegen der Energiewende billig ins Ausland verschleudert und teuer zurückkauft, ist falsch – trotz aller anderslautenden Suggestionen. Und das ist überraschend. Deutschlands Stromexporte steigen extrem stark an und eilen von Rekord zu Rekord. Im ersten Halbjahr dieses Jahres strömten per Saldo laut den europäischen Netzbetreibern Entso-E rund 15 000 Gigawattstunden (GWh) über die Interkonnektoren ins Ausland. Im gleichen Zeitraum 2012 waren es lediglich 10 000 GWh. Die Folgen der hohen Schwankungen in der Erzeugung spüren nicht nur die deutschen Kraftwerksbetreiber, deren Gas- und Steinkohlekraftwerke aus dem Markt gedrängt werden. Der Mengen- und Preisdruck aus dem deutschen Netz ist auch im Ausland enorm, wenn Wind und Sonne viel Strom erzeugen. Das lässt sich zum Beispiel hier anschaulich begutachten. Auch in den Niederlanden werden zum Beispiel Kraftwerke von deutschen Strom aus dem Markt gedrängt, wie die dortige Spitzenlobby der Stromerzeuger beklagt.

Intuitiv liegt der Schluss nun nahe, dass Deutschland durch die Stromschwemme billiger verkaufen muss als wieder eingekauft werden kann. Das hätte erheblich Verluste zufolge. Immerhin exportierten wir im ersten Halbjahr nicht nur rund 35 000 GWh, sondern importierten auch gut 20 000 GWh. Dieser Intuition folgen zahlreiche Kommentatoren, zum Beispiel hierdort und da. Die wenigen Stunden im Jahr, in denen sogar noch Geld für den Export draufgezahlt wird, also negative Strompreise herrschen, werden häufig suggestiv als Beleg für das Verschleudern deutschen Stroms verwendet. Auch eine Studie des Fraunhofer ISE schlug in diese Kerbe (seltsamerweise im Auftrag der Grünen). Dort wurde korrekt festgestellt, dass es inzwischen deutlich häufiger Zeiten gibt, in denen Deutschland zu sehr niedrigen Preisen exportieren muss, normalerweise wenn hohe Windkraftproduktion auf niedrigen Verbrauch trifft.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Gesamtbild des Strom-Außenhandels ergibt ein ganz anderes Bild. Trotz des enorm gestiegenen Exportsaldos verdient Deutschland viel Geld durch den Stromaustausch mit dem Ausland. Zwar gibt das Statistische Bundesamt nur einmal pro Jahr eine zusammenfassende Strommarktübersicht heraus (hier die Ausgabe für 2012), die auch den Preissaldo enthält. Doch mit den monatlichen Daten über die Verkaufspreise und den Mengenangaben der Netzbetreiber lassen sich auch die kurzfristigen Ex- und Importpreise berechnen. Demnach wurde von Januar bis Juni dieses Jahres Strom im Schnitt für 5,45 Cent pro Kilowattstunde ins Ausland verkauft. Der Einkaufspreis lag dagegen meiner Kalkulation zufolge bei 4,85 Cent. Minimale Abweichungen sind noch möglich, weil einige kleinere Mengenangaben für Juni zum Zeitpunkt meiner Analyse noch nicht vorlagen.

0,6 Cent Preisüberschuss pro KWh ist ein erheblicher Preisunterschied. Vom „Verschleudern“ des Stroms kann also nicht die Rede sein. Das überraschendste ist, dass diese Differenz sogar noch stark zugenommen hat. 2012 lag sie bei lediglich 0,31 Cent pro KWh. Das liegt daran, dass der Exportpreis kaum gefallen ist, während die Importpreise deutlich fallen.

Was ist los am europäischen Strommarkt? Warum zahlt das Ausland für den grün-braunen deutschen Strom, der in so großen Mengen anfällt, weil schwankender Grünstrom auf einen unflexiblen fossilen Kraftwerkspark trifft, so viel Geld? Entscheidend ist der Erzeugungszeitpunkt. Gerade der Solarstrom fällt in die Verbrauchsspitze zur Mittagszeit. Die Preise in dieser Zeit werden deutlich abgeflacht durch die Produktion, sind aber immer noch hoch. Auch Windstrom fällt überwiegend tagsüber an. Importiert wird hingegen in Deutschland fast nur noch nachts, außer im tiefen Winter. Dann beziehen wir Grundlaststrom, zum Beispiel aus französischen Kernkraftwerken. Durch die schwache europäische Wirtschaft sind aber die Grundlastpreise deutlich gesunken.

Aus deutscher Sicht wäre es also sehr sinnvoll, die Grenzkuppelstellen auszubauen, was ja im neuen Netzplan auch vorgesehen ist. Denn wenn deren Kapazität ausgeschöpft ist, können wir unseren überschüssigen Strom nicht mehr zu ganz auskömmlichen Preisen ins Ausland verkaufen (wo übrigens auch deshalb an Kapazitätsmärkten gebastelt werden muss). Sondern der deutsche Strompreis kuppelt sich in solchen Momenten von den Nachbarländern nach unten ab. In einem Interview mit Eon-Vorstand Leonhard Birnbaum, das ich für Europolitics kürzlich geführt habe (leider hinter einer Paywall), beschreibt er, dass sich genau dieser Effekt in jüngster Zeit beobachten lässt.

Oder, anders gesagt: Deutschland exportiert Strom und importiert Stabilität, und das auch noch zu guten Preisen. Allerdings stößt das Modell schon an Grenzen. Es wäre also nützlich, wenn die wichtige und entlastende Rolle des Außenhandels mit Strom auch in der deutschen Politik deutlicher wahrgenommen werden würde.

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6 comments for “Elektrisches Exportwunder: Warum Deutschland am Stromhandel gut verdient

  1. 5. Oktober 2013 at 10:08

    In 2012 wurde alleine im deutsch-österreichischen Marktgebiet ein Exportüberschuss von 840 Mio. Euro erzielt. Zusammen mit anderen Marktgebieten betrug der Überschuss laut Statistischem Bundesamt 1,4 Mrd. Euro und lag damit über dem Gewinn, den das Exportsaldo an der deutschen Börse erzielt hätte: http://www.energie-experten.org/experte/meldung-anzeigen/news/stromexporte-steigen-um-62-prozent-4212.html Und da sage nochmal einer, die Energiewende lohne sich nicht!

  2. 5. Oktober 2013 at 10:38

    Geht es nach dem EU Parlament von gestern, dann sollte ab November 2013 das Abkuppeln von Deutschland der Vergangenheit angehören. Mit PCR kommt ein Mechanismus der im Ansatz auch die Kupplungspreise beinhaltet. Das zumindest ich das skeptisch sehe, ist in meinem Blog zu finden.

  3. Jan
    11. Oktober 2013 at 14:22

    Sehe ich das richtig: Würden wir Grundlastkraftwerke (AKW/Braunkohle) abschalten, würde sich dieser Effekt noch verstärken?
    Und die Abkopplung des deutschen Strommarkts nach unten würde damit auch wieder reduziert…

    • schlandt
      11. Oktober 2013 at 18:59

      Hallo Jan,

      wenn die Grundlastkraftwerke komplett abgeschaltet werden, würde es extrem knapp werden mit der Stromversorgung. Das geht nicht.

      Eine stufenweise Reduzierung von AKW und Braunkohle würde m.E. in der Tat die Abkopplung abschwächen, weil es dann in den Stunden, in denen die erneuerbaren viel Strom produzieren, weniger zusätzliche Produktion durch Grundlastkraftwerke mit niedrigen Grenzkosten gäbe. Zudem ist das an- und abfahren der Grundlastkraftwerke teuer und wird damit für kurze Zeit trotz niedriger Preise vermieden.

      Würde der Grundlastkraftwerkspark durch flexiblere (Gas-)Kraftwerke zum Teil ersetzt, wären zudem die Must-Run-Anforderungen der Übertragungsnetzbetreiber geringer. Die Ü-Netz-Betreiber „verbieten“ häufig Grundlastkraftwerken das Abschalten, weil sie zur Netzsicherung gebraucht werden.

      Die Abkopplung des deutschen Markts würde also auf jeden Fall abgeschwächt. Aber was ist mit Ihrer ersten Frage, dem In- und Export? Vermutlich bliebe es wie bisher, nur dass der deutsche Export stark fallen würde, vermutlich schnell unter den Import. Wir würden aber von der Tendenz nach wie vor zu hohen Preisen exportieren (da die EE tendenziell in die Preisspitzen hinein produzieren) und zu niedrigen importieren (da wir ohne Grundlast erst recht in der Nacht importieren müssen).

      • Jan
        12. Oktober 2013 at 00:42

        Ich dachte dabei in erster Linie an eine vorgezogene Abschaltung von AKWs und Reduktion von Braunkohleverbrennung. Wo eh Überkapazitäten bestehen, können Braunkohlekraftwerke bedenkenlos abgeschaltet werden, ansonsten könnte ich mir vorstellen das nur im Winter die BKK mit Teillast laufen, um bei Bedarf hochgefahren werden zu können.

        Wobei die Frage ist, wie da die genaue, volkswirtschaftlich optimale Einsatzstrategie aussieht. Ich denke die CO2-Zertifikatspreis auf mind. 20€ Mindestgebot/floor price zu setzen wäre der erste Schritt um die Kapriolen und Überproduktion zu reduzieren, und nebenher die EEG-Umlage über eine Anhebung des Börsenstrompreises deutlich zu senken.

  4. Craig Morris (@PPchef)
    25. Oktober 2013 at 08:36

    Auf diesen Umstand hate ich im April hingewiesen:

    http://www.renewablesinternational.net/german-power-exports-more-valuable-than-imports/150/537/61663/

    Wenn ich das richtig sehe, hast du nicht auf die Studie vom Öko-institut verwiesen, die erklärt, dass D auch zu Zeiten hoher Nachfrage (und hoher Preise) exportiert:

    http://energytransition.de/2013/03/german-energy-transition-and-its-neighbors-part-4/

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