Chaos auf Europas Strommarkt

Der gesamte europäische Strommarkt ist in eine schwere Krise geraten. Diese These stellt eine heute veröffentlichte Studie auf, das jährlich erscheinende European Energy Markets Observatory von Capgemini. Die Berater aus Paris machen sich große Sorgen um den Elektrizitätsmarkt und sprechen von „chaotischen“ Zuständen. Deregulierung, Ausbau der erneuerbaren und die Wirtschaftskrise machen dem Sektor massiv zu schaffen.

Das große Sorgenkind ist die fossile Stromerzeugung, insbesondere die Gaskraftwerke. In ganz Europa stehen moderne Anlagen großenteils still, weil sie aus dem Markt gedrängt werden durch die erneuerbaren Energien und die billigeren Kohlekraftwerke. Das ist nicht nur ein deutsches Phänomen, wo zahlreiche Anlagen schon eingemottet worden sind.  Im EU-Schnitt liegt die Auslastung der Kraftwerke unter 20 Prozent, in Spanien sogar unter 11 Prozent. 60 Prozent der europäischen Gaskraftwerke können ihre laufenden Kosten laut der Studie nicht mehr hereinspielen und sind von Schließung bedroht. Zusammen können sie 130 Gigawatt Leistung erzeugen. Das ist eine krasse Größenordnung, die mehr als dem eineinhalbfachen des maximalen deutschen Stromverbrauchs entspricht.

Eine überraschende, scheinbar gegensätzliche Beobachtung von Capgemini zeigt, wie schnell sich die Situation stabilisieren ließe, wenn die Politik richtig reagiert. Denn die Investoren stehen sogar bereit, eine riesige Neubauwelle an Gaskraftwerken auszulösen. Capgemini hat eine Zunahme der Projekte, die für die Zeit nach 2018 geplant sind, um 179 Prozent gemessen – ein ziemlich sensationeller Wert dafür, dass Gaskraftwerke derzeit Geld verbrennen. Das liegt daran, dass die Investoren immer noch die langfristig niedrigsten Risiken für Gaskraftwerke sehen. Sie sind  billig zu bauen sind im Vergleich zu Kohle (und erst recht Atomkraft); die Anlagen werden für die Energiewende dringend gebraucht als flexible Ergänzung zu den Erneuerbaren; und sie stoßen wenig Kohlendioxid aus.

Die Politik muss dringend reagieren. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa werden vermutlich bald Kapazitätsmärkte nötig sein, also Subventionen für abgeschaltete Anlagen, die aber als Reserve für die Verbrauchsspitzen im Winter gebraucht werden. Oder zumindest ein Abschaltverbot, wie es in Deutschland bereits herrscht. Hierzulande sind 28 Kraftwerke zur Stilllegung angemeldet, ein Teil davon darf aber vermutlich nicht vom Netz gehen. In Frankreich, Großbritannien und Belgien sind Kapazitätsmärkte bereits beschlossene Sache. Die EU-Kommission müht sich, ordnend einzugreifen und gemeinsame Regeln zu schaffen. Da aber Energie teil der nationalen Gesetzgebung bleibt, ist die Koordination schwierig. Aber sie würde sich lohnen, denn sonst driften die Märkte auseinander, was die gegeinseitige Stabilisierung erschwert.

Die wichtigste Reform betrifft aber den Handel mit Emmissionszertifikaten für Kohlendioxid. Nur wenn der Preis stabilisiert wird, kann auch der Kraftwerkspark energiewendegerecht modernisiert werden. Die Investoren stehen mit Projekten bereit. Jetzt brauchen sie nur noch ein Mindestmaß an Investitionssicherheit. Ein hoher CO2-Preis ist das entscheidende Signal, das im Moment fehlt.

Deutschlands Blockadehaltung bei diesem Thema ist deshalb eine Katastrophe für die Energiewende – und, wenn man die EU-Brille aufsetzt, langfristig deutlich schlimmer als jeder Fehler, den man bei der Reform der Förderung der Erneuerbaren in Deutschland machen könnte.

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